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 Jacqueline Bollmann

 

Mosers Blüten
Ein Roman.


1

Staten Island, New York City,
14. Oktober 1994, 15.30Uhr

Die Scheibe neben Heiner Moser zersplittert mit einem Knall. Eine zischende Tränengasgranate fliegt in den Raum und kullert über das Parkett. Dann noch eine. Jemand schreit, die Tür wird aus dem Rahmen getreten. Gestalten in blauen Overalls stürmen herein, groteske Figuren. Gasmasken, kurze Maschinengewehre, schwarze Stiefel. Menschen fallen aufeinander und gegen Möbel. Schreie, fluchen. Moser kommt endlich auf die Beine. Papier flattert zu Boden. Ein Schuss. Eine einzige Sekunde schreckliche Stille. Mehr Schüsse, Schreie. Schwer zu sagen, wie viele Gestalten sich hereindrängen. Das Tränengas füllt den Raum bis zur Decke. Die Gestalten fangen an, auf die Anwesenden einzuschlagen, bis niemand mehr aufrecht steht. Jemand spricht in ein Funkgerät.

„Operation Mondschein abgeschlossen. Wiederhole…“

 
Übernehmen

Serge Wyler wundert sich, wie schwer so ein Toter in Wirklichkeit ist. Mühsam hievt er den Körper die Metalltreppe zum Säuretank hoch. Sein Atem steigt in der Kälte weiss aus seinem Gesicht. Oben glaubt er zuerst, die vier faustgrossen Schrauben seien festgefroren. Nach einer Weile schafft es doch, sie zu lösen. Er hebt den runden Deckel mit einem Ruck ab, schiebt den Toten kopfvoran in die Röhre. Er hört, wie der Körper in das schwarze Loch hinunter gleitet. Ein Scharren auf den Stufen. Wyler fährt herum. Es ist Cynthia Norel, die hinter ihm die Treppe herauf kommt. Er atmet aus.

„Wie lange dauert es, bis er …hier drin aufgelöst ist?“

„Darum brauchst du dich nicht zu kümmern, Serge.“ Sie ist einen Kopf kleiner als er, ihre Stimme leise, ihr Gesicht schneeweiss in diesem Neonlicht.

„Komm jetzt. Wir können nicht die ganze Nacht hier stehen.“

Obwohl sie Tennisschuhe trägt, hallen ihre Schritte metallisch nach. Wyler schaudert. Eine seltsame Art, sich von seinem Chef zu verabschieden, denkt er. Und schraubt mit kalten Fingern den Deckel wieder fest.

Die stillgelegte Fabrik mit den Säuretanks soll nächste Woche abgerissen werden. Hier sollen „Luxuswohnungen der kosmischen Klasse“ entstehen. Das steht auf einem grossen Schild am Zaun. Vielleicht gibt es den perfekten Mord ja wirklich. Für einen alten Drecksack wie Knaag ist dies hier auf jeden Fall die einzig richtige Entsorgungsmethode. Findet Cynthia Norel.

Sie beobachtet vom Rücksitz des Wagens, wie Serge sich auf den Verkehr konzentriert. Er lenkt mit fliessenden, effizienten Bewegungen. Die Strassenlaternen jagen orange Wolken über sein Gesicht. Zwanzig Jahre lang war er Knaags Mann, bedingungslos. Oder? Cynthia Norel lächelt unwillkürlich. Wenn es darauf ankommt gilt auch Serge Wylers Loyalität seinem eigenen Geldbeutel. Sie bot ihm mehr Geld. Und sorgte dafür, dass er ihr mehr vertraut als Knaag. Beides war nicht schwierig, denn Knaag selber nahm ihr diesbezüglich viel Arbeit ab. Mit jedem weiteren Geschäft, das er sich durch die Lappen gehen liess, mit jedem weiteren Schuldner, der nicht zahlte, sondern Anzeige wegen Nötigung erstattete, ging es Wyler auf, dass Knaags Bodyguards kaum reich werden. Nach zwei Jahren war sie sicher, dass Wyler genug hatte.

„Es gibt immer mehr Frauen, die sich richtig gut machen als Chefs“, sagte er oft mit todernster Miene.

Sie brachte Knaag selber um. Wenn man die richtigen Gründe hat, ist es nicht schwer, einen Menschen zu töten, findet sie. Zur japanischen Brücke im Botanischen Garten kommt fast nie jemand, obwohl die nicht weit vom Parkplatz weg liegt. Sie hat Knaag zu einem Spaziergang dorthin überredet. Und ihn dann an den Knöcheln gepackt und über das Geländer gehebelt. Er war nicht darauf gefasst, keine Chance sich zu wehren. Das Wasser war so seicht, dass er sich das Genick auf den flachen Steinen im Bachbett brach.

Serge Wyler schaltet den Blinker ein, wartet, bis der Gegenverkehr vorbeigefahren ist. Ein seltsames Gefühl, jetzt hier auf dem Rücksitz, mit dem Kleinen am Steuer, findet sie. Ein gutes Gefühl. Auch wenn kein Grund zu Übermut besteht. Ab jetzt kommt es alleine auf sie an. Und das fühlt sich besser an, als von einem kleinkalibrigen Vorstadtgauner abhängig zu sein.

Sport

Der Metallbolzen bohrt sich mit einem satten „Plock“ in das Holz. Anerkennendes Gemurmel, Serge Wyler führt auch dieses Dart-Match. Er hebt sein Glas und prostet in die Runde. Kameraden vom Karateklub. Jeden Freitag nach dem Training gehen sie ins Pub auf eine Runde. Karate und Dart haben viel gemeinsam, sagt Serge. Kontrollierte, genaue Bewegungen, volle Konzentration auf einen Punkt. Er stellt sich an den Tresen, um mehr Bier zu holen. Karate und Dart sind jedenfalls Dinge, die ich wirklich kann, denkt er. Ich kann nur lauter Dinge, die sich nicht zu Geld machen lassen. Er bezahlt und bahnt sich den Weg zurück, einen Glaskrug in jeder Hand.

„Du hältst mir alles Unerwünschte vom Leibe“, beorderte Knaag ihn am ersten Tag. Das ist lange her. Wyler hatte nie gefragt, was für Geschäfte Knaag machte. Hatte nur gehört, dass der Alte dick im Kreditgeschäft war. Es war ein guter Job, das Geld gar nicht so schlecht. Hauptsächlich hat er den Chef herumchauffiert. Später, als Cynthia Norel ins Spiel kam, zusammen mit ihr.

Natürlich war Serge von ihr beeindruckt. Beherrscht, fokussiert, kühl. Eine schöne Frau. Revisorin von Beruf. Schwätzt nicht halb so viel wie Knaag. Sorgte dafür, dass wirklich Geld hereinkam.

Wyler prostet den anderen zu und leert sein Glas zur Hälfte. Knaag bezahlte, Knaag war der Chef. Das war immer klar. Es war aber auch klar, dass Knaag immer öfter Mist baute. Er hat Knaag und die Norel nie streiten gesehen. Aber einmal musste sie eine Busse für ihn bezahlen. Da sagte sie zu ihm:

„Ich haue dich nicht noch mal aus so was raus, Janove“, und: „Reiss dich endlich zusammen.“

Und Knaag, diesem Trottel, kam nichts Besseres in den Sinn, als ihr eine runter zu hauen. Wyler glaubte, nicht richtig zu sehen. So eine Frau – und Knaag fällt nichts Besseres ein… Sie stand nur da. Sehr gerade und ruhig. Sagte kein Wort. Knaag rannte raus. An Wyler vorbei.

„Weiber!“, zischte er dabei.

Das macht man nur einmal mit einer Frau wie Cynthia Norel, denkt Serge Wyler.

Er nimmt einen grossen Schluck Bier.

Zwei Wochen nach dieser Szene ruft Cynthia Norel bei Serge an. Es ist zehn nach drei morgens.

„Kommen Sie zum Botanischen Garten.“

Knaag lag im Sumpf unter einer Holzbrücke. Nicht einfach, ihn da Sumpf raus zu ziehen, in eine Plane zu wickeln und im Kofferraum des Pajeros zu verstauen. Sie fragte ihn kurz, ob er den Weg zur stillgelegten Säurefabrik kenne, dann fuhren sie wortlos. Die Schlepperei die Treppe hoch war hart. Leichen sind schwer. Es war kurz vor fünf, als er sie nach hause fuhr.

„Kommen Sie mit hinauf, Serge“, sagte Cynthia Loren, „Wir haben einiges zu besprechen.“

Sie sassen in ihrem Wohnzimmer und tranken Espresso.

„Ich rechne mit Ihnen, Serge.“

Er sieht ihr zu, wie sie zwei Zuckerstücke in ihrem Kaffee versenkt.

„Natürlich.“

Was für eine Wahl hat er sonst. Ausserdem bezahlte sie auch nicht schlecht.

Rico kommt mit zwei neuen Krügen und schenkt allen ein. Es war kein schlechtes Leben mit Knaag. Witzlos, aber nicht schlecht. Wyler prostet den anderen zu, leert das Glas zur Hälfte. Knaag ist immer fetter geworden und ich hab ihm den Rücken frei gehalten. Der wusste doch gar nicht, was er an mir hatte. Die Norel hingegen. Da schaut doch was raus.

„Ich brauche Sie“, hat Cynthia Norel ihm gesagt. „Ich brauche jemanden, der mir zur Hand geht.“ Jetzt verdiene ich endlich richtiges Geld denkt er.

„Du bist dran, Serge!“

Er steht völlig ausbalanciert vor der Dartscheibe, sein Gewicht ruht auf beiden Beinen. Er hebt en Arm, schickt mit einer optimalen Handbewegung das Metallstück Richtung Wand. Doppel 20, ein Abschluss wie aus dem Bilderbuch. Anerkennendes Gemurmel, Jimmy klopft ihm auf die Schulter. Wyler hat ein gutes Gefühl bei dieser Sache.

Alte Freunde

„Cynthia, was für eine zauberhafte Überraschung! Wie lange haben wir nichts von einander gehört? Das muss Jahrzehnte her sein!“

Armin von Planta war früher Diplomat von Beruf. Deshalb fällt es ihm nicht schwer, hocherfreut ins Telefon zu rufen, während es in seinem todernsten Gesicht hektisch zu zucken beginnt.

Cynthia Norel bezeichnet er als eine Bekanntschaft, die eher unter der Kategorie „glamourös“ als „erfreulich“ läuft. Eine kleine, elegante Erscheinung mit Stil. Süsses Cupidogesichtchen, ordentliche Kurven, trotzdem nicht zu fett. Nur diese schmalen Lippen haben ihn schon immer gestört. Und diese seltsam knorpeligen Finger. Die Frau von Knaag, diesem halbseidenen Treuhänder, der mit viel Dreistigkeit und noch mehr Schwein zu etwas Barem gekommen ist. Von Planta hat sie nie mit einem anderen gesehen. Was findet diese Art Frau an so einem? Geld? Die hätte ihr eigenes verdienen können. Weiss der Teufel, was Weiber wollen. Es ist siebzehn Jahre her, seit von Planta mit ihr geschlafen hat. Einmal. Keine Ahnung mehr, wie das passiert ist. Reine Neugierde. Oder er wollte einfach diesem schmierigen Grossmaul Knaag eins auswischen. Den hatte er vor einem Vierteljahrhundert in der Wattenwyl Bar kennen gelernt. Damals war er Jurastudent und fasziniert von dem, was er für Berns Unterwelt hielt. All die kleinen Checkbetrüger, kreativen Buchhalter und polizeinotorischen Winkeladvokaten. Für von Planta sahen sie wie die grosse weite Welt aus.

Die Zeit verdampfte wie das schlechte Haschisch von damals. Seine Karriere im Verwaltungsdienst des Bundeshauses machte ordentliche Fortschritte. Eine andere Welt. Von Planta konnte seine alten Freunde aus der Wattenwyl Bar nicht mehr so ernst nehmen, wie er hätte sollen. Die ignorierten ihn nämlich nicht ganz so konsequent, wie er sie. Und mit der Zeit konnte sich jeder ausrechnen, dass nicht alle diese extrem jungen Brünetten Praktikantinnen sein konnten. Nur eine Frage der Zeit, bis einer von Armins alten Freunden auf die Idee kam, ihn mit einigen Fotos zu erpressen. Armin organisierte sich Hilfe bei erfahrenen Fachkräften aus dem Rockermilieu, der alte Freund erlitt schwerste Schädeltraumata. Leider blieben die meisten Negative verschwunden. Vielleicht war dies einer der Gründe, dass sich Armins Kariere nie so entwickelte, wie er sich das versprochen hatte. Er wechselte zur Bundespolizei. Nicht unbedingt lukrativ, aber immerhin eine leitende Stellung. Das bedeutete ein eigenes Büro mit Grosspflanze und Sekretärin.

Er sah Knaag öfters, wenn auch von weitem. Der steckte mittlerweile in massgeschneiderten Anzügen mit bunten Nadelstreifen. Und hatte sich also diese kleine flämische Perle geangelt.

Armin von Planta setzt sich langsam in einen Sessel. Atmet bewusst tief.

„Wie geht es denn unserem Freund Knaag?“

Er würde zu gerne wissen, wie diese Frau an seine Telefonnummer gekommen ist. Aber das erzählt sie ihm nicht. Hingegen sagt sie ihm, dass sich die peinlichen Negative von damals natürlich nicht in Luft aufgelöst damals. Eine der gut aussehenden jungen Frauen hatte Sinn fürs Geschäftliche nebst einem Cousin bei den Rockern, der ihr die Negative überliess. Sie verkaufte die Ware für zehntausend Franken an Cynthia Norel, zog zu ihrer Geliebten nach Sheffield und bildete sich zur Physiotherapeutin weiter. Die Bilder blieben zehn Jahre lang in Cynthia Norels Bankfach liegen. Knaag bestand darauf, dass Cynthia Norel ihn nicht erpresste.

„Nicht der richtige Zeitpunkt, Cynth.“

Wann dieser Zeitpunkt kommen würde sagte er nie.

Der kam nie für ihn. Dafür aber für Cynthia Norel.

„Wieso glaubst du, dass ich Geld habe?“, ruft Armin von Planta in den Hörer.

„Ich habe kein Geld – das weißt du doch!“

Fast kippt seine Stimme.

Ich habe die Kleine unterschätzt, fährt es ihm durch den Kopf.

„Lass dir etwas einfallen, Armin“, sagt Cynthia Norel ruhig.

Als ob sie nichts weiter zu verlieren hätte, denkt von Planta. Das kann nicht sein, verdammt! So lange mit Janove Knaag zusammen – da muss etwas hängen geblieben sein, zum Teufel.

„Du fühlst dich wohl sehr sicher, was?“

Sie sagt nichts.

„Wer im Glashaus sitzt … Du solltest sehr vorsichtig sein!“

Er staunt selber, wie bescheuert er klingt.

Cynthia Norel sagt nichts. Die hat schlicht nichts zu verlieren, denkt er. Und ich habe schlicht nichts zu verschenken.

„Vergiss das mit dem Geld“, sagt er. Stille in der Leitung.

„Ich weiss etwas anderes. Hör zu. Ich kenne einen ausgezeichneten Grafiker. Hat sich in New York beim Fälschen erwischen lassen und lebt jetzt hier in Zürich mit falscher Identität. Spitzenmann in seinem Fach. Einen besseren findest du nicht. Ist nur deshalb aufgeflogen, weil jemand die Firma verpfiffen hat, für die er gearbeitet hat. Er hat dann beim FBI gesungen, um seinen Hintern zu retten. Die Amis haben dann uns angewiesen, ihm eine neue Identität zu verschaffen. Ein Wort an die Gangster und der Mann ist tot. Der fälscht dir, was du willst!“

Er unterbricht sich. Kein Laut zu hören.

„Cynthia? Bist du da?

„Selbstverständlich Armin. Was meinst du? Sollten wir das alles in Ruhe besprechen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten fügt sie hinzu: „Heute Abend, bei mir, 22.00Uhr. Alleine.“ Von Planta schmeisst den Hörer af den Boden.


„Wer andern eine Grube gräbt… Scheisse!“ Er giesst sich einen Whisky ein.




2 
Staten Island, New York City, 14. Oktober 1994, 15.45Uhr


„Dein erster Einsatz bei so was?“

Eine Gruppe Polizisten schaut mitleidig in das blass-grüne Gesicht des Journalisten, der schockiert auf die Szene starrt. Der scharfe Geruch des Tränengases steht immer noch im Raum.

Die Fenster sind weit aufgerissen, es regnet auf die Simse. Ein Kriminaltechniker schlägt sie fluchend zu. Auf dem Boden liegen vier Männer nebeneinander. Ausgestreckt, die Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Alle haben hochrote Gesichter, einer hustet ununterbrochen und krampfhaft. Er stösst mit dem Kopf gegen ein Tischbein aus Stahl. Im ganzen Raum liegen umgeworfene Büromöbel, Papier, Ordner. Der Lederbezug des weissen Sofas ist aufgerissen, rote Flecken trocknen bereits auf dem Parkett. Blut von denen, die nicht mehr nach Luft schnappen.

„Dürfen wir hier mal durch?“

Zwei Männer tragen einen Metallsarg zwischen sich durch den Raum. Es klingt hohl, als sie ihn neben dem Toten abstellen.

„Der Letzte für heute“, murmelt einer der Träger.

„Die haben bekommen, was sie verdient haben.“ Die Leiterin des Sonderkommandos steht vor dem grünlichen Journalisten, Helm und Gasmaske unter dem Arm. Sie hat eine sehr hohe Stimme. „Vergessen Sie das nicht, wenn Sie ihren … Bericht schreiben.“

 
Bilanz

Cynthia Norel zerteilt einen Apfel, eine Birne, eine geschälte Orange. Gibt alle Fruchtstücke in die Küchenmaschine. Giesst Buttermilch dazu, mixt alles recht kurz. Feine Spritzer setzen sich kühl auf ihr Handgelenk, als sie die Flüssigkeit in das gekühlte hohe Glas schenkt. Sie wischt sich langsam den Arm mit einem Stück Küchenpapier ab, denkt daran, wie lange Knaag die Milchshakes immer püriert hat.

„Nichts kann ich dir recht machen, Cynth. An allem hast du was auszusetzen. Aber weißt du was? Ich lebe mein Leben, wie ich es will.“

Diesen Satz benutzte er in allen möglichen Zusammenhängen. Wieder und wieder. Wie ein billiger Spielzeugroboter. Es fiel ihr nicht leicht, sich einzugestehen, dass sie dieser Mann schlicht und ergreifend langweilte.

Am Anfang waren wenigstens noch Träume und Pläne.

„Man kann was aufziehen in der Schweiz, Cynth“, sagte er, „Ein paar Beziehungen und Grips, das ist alles, was man braucht.“

Wie gerne hatte sie an ihn geglaubt. Cynthia Norel lacht leise vor sich hin. Sie hätte ihn schon viel früher los werden sollen. Sentimentalität und Gewohnheit. Zwei Marotten, die sie sich nicht abgewöhnen kann. Vor und neben Knaag waren viele Männer, alle möglichen Typen. Knaag störte das nicht, so lange ihre Affären diskret waren. Keine dauerte länger als ein paar Monate. Zu aufdringlich der eine, zu ehrfürchtig der nächste. Zu intellektuell der helle Venezianer, allzu geil der rote Engländer. Zu geschwätzig der Kleine aus Genf.

Sie steckt einen Strohhalm in ihren Drink, einen langen Löffel und trägt das Glas auf einem Tablett in den Wintergarten. Die Chaiselongue ist aus Rattan und ächzt sanft unter ihrem Gewicht.

„Meine kleinen Bewunderer“, nannte sie diese Männer. Jetzt fällt es ihr schwer, sich an die einzelnen Gesichter zu erinnern. Die meisten waren einfach nur nichtssagend. Einige davon auch bloss richtige Schweine. Und das waren die wirklich nützlichen.

Heute Vormittag ist von Planta zu ihr gekommen. Sie hatte ihn dicker in Erinnerung. Nicht so geduckt. Sehr lange her, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hat. War er wirklich schon immer so ein hysterischer Macho gewesen?

Das erste, was er sagte war:

„Das macht dir wohl Spass hier, was?“

Er bleibt mitten im Raum stehen.

„Es ist nicht meine Schuld, wenn du nach all den Jahren immer noch erpressbar bist, Armin.“

Die tiefroten Flecken auf seinen Wangen sahen explosiv aus. Gut, dass Serge Wyler vor der Wohnungstür wartete.

„Reiss dich zusammen und setz dich“, sagte sie hart, „Was hast du zu bieten?“

Er fing an von dem Grafiker zu erzählen, dem besten Geldfälscher auf dem Markt, Kronzeuge in Amerika, Zeugenschutzprogramm in der Schweiz.

„Dort kannst du Geld holen, Cynth.“

Sie stand auf und ging nahe an ihn heran.

„Ich heisse Cynthia.“

Er schluckte leer.

„Sag ich doch.“

Das hier klingt wie in einer schlechten Komödie, dachte sie. Sie lachte leise. Armin von Planta starrte sie fassungslos an.

„Das macht dir wohl Spass…“

„Hör schon auf zu faseln, Armin!“

Sie holte einen Umschlag aus einer Schublade.

„Die restlichen Abzüge und die Negative bekommst du, wenn ich Geld verdient habe.“

Er kam hastig aus dem Sessel hoch und riss ihr den Umschlag aus der Hand.

„Treib es nicht zu weit, hörst du?“

Seine Stimme war heiser. Er schwitzte. Er roch penetrant nach Rasierwasser.

Wie langweilig er ist, dachte sie. Und wirft ihn raus.

Jetzt leert sie ihr Glas langsam. Dann hebt sie den Hörer vom Telefon.

„Guten Morgen, Herr Moser. Mein Name ist Cynthia Norel.“


Neue Freunde  

Zwei Stunden Schlaf sind zu wenig. Es ist 4.38Uhr, klarer Himmel, 12 Grad Celsius Aussentemperatur. Durch das offene Küchenfenster kommt kalte Luft herein. Es ist still. Ausser dem Schnorcheln der Kaffeemaschine ist nichts zu hören. Ich lehne mich hinaus. Auf der Niederdorfstrasse unter mir ist niemand zu sehen. Die Lieferanten beginnen erst in einer halben Stunde zu lärmen. Je älter, desto weniger Schlaf braucht man, heisst es. Geschäftliche Telefongespräche sollte man trotzdem nicht um diese Zeit führen. Ich bin sofort hochgefahren, wie immer, wenn das Telefon um diese Zeit läutet. Aber es war nicht Mitchells Stimme, sondern die einer Frau, die ich nicht kenne. Sie klingt wach, ruhig und geschäftsmässig.

„Ich weiss, wer Sie wirklich sind, Herr Moser. Ich kenne Ihren Namen und den Grund, warum Sie vor sechzehn Jahren wieder nach Zürich gezogen sind. Ich kenne auch die Leute in New York, die einiges für diese Information geben würden.“

Ich stehe wie versteinert mit diesem verdammten Hörer in der Hand.

„Warum treffen wir uns nicht einfach?“, fragte sie entspannt. „Sagen wir heute Nachmittag, fünfzehn Uhr. Schiffergasse 10. Läuten Sie beim Anwalt.“

Sie fragt nicht, ob mir das passt. Und sie legt auf, bevor ich etwas sagen kann.

Die Angst bläst sich in meinem Magen auf, wie eine Giftwolke. Wahrscheinlich keine gute Idee, jetzt Kaffee zu trinken. Ich hätte auch lieber einen Schnaps. Zum ersten mal seit langer Zeit. Der Kaffee ist viel zu stark. Drei Löffel Zucker und Sahne. Eine Amsel beginnt zu singen.

Ich glaube nicht eine Sekunde lang, dass dies ein Scherz ist. Vielleicht weil ich ja gewusst habe, dass so etwas jederzeit passieren kann. Theoretisch. Meinen richtigen Namen kennen nur noch wenige Menschen auf diesem Planeten. Ich habe gute Gründe dafür zu sorgen, dass es nicht mehr werden. Der Kaffe beginnt im Magen zu ätzen wie Schwefelsäure. Die Flüssigkeit steigt im Zeitlupentempo in meiner Speiseröhre hoch, ich muss mich übergeben. Als nur noch Galle kommt, setze ich mich auf den Rand der Badewanne und versuche durchzuatmen. Mein Kopf hämmert. In einer halben Stunde wird er ganz mit einem Migräneanfall ausgefüllt sein.

Die Wahrheit ist, dass ich nach all den Jahren nicht mehr daran geglaubt habe, dass mich jemand verkaufen könnte.

Ich stehe eine halbe Stunde zu früh vor dem Haus in der Schiffergasse. Eine polierte Messingtafel verkündet, dass es denkmalgeschützt ist. Ich läute, der Türsummer geht. Alles sieht sehr normal aus. Dunkles Holz, mein Blick fällt auf Reste von mittelalterlichen Fresken an den Wänden.

„Die sind denkmalgeschützt“, sagt die junge Frau, die mich herein lässt. Sie sieht mindestens so poliert aus, wie die Tafel an der Haustür.

„Mein Name ist Leuthold...“

Die Frau h0lt Luft.

„Ich weiss schon, alles klar. Wollen Sie ablegen? Nehmen Sie hier drinnen Platz. Kaffee, Tee? Gar nichts? Frau Norel wird jeden Augenblick hier sein.“

Sie lächelt und schlägt die Tür hinter sich zu.

Norel. Ich kenne niemanden der so heisst. Es riecht nach trockenem Papier und eine Klimaanlage summt unter dem Fenster. Butzenscheiben. Die Medikamente übertünchen nicht nur den Migräneschmerz, sondern auch alles andere in meinem Kopf. Nicht gut, in so einer Situation. Nicht gut. Es vergeht Zeit. Viel Zeit. Punkt sechzehn Uhr geht die Tür auf und eine Frau um die fünfzig kommt herein. Sie ist einen Kopf kleiner als ich, schlank, graue Pagenfrisur, grosse braune Augen, breiter Mund mit braunem Lippenstift. Hellbeiges Leinenkostüm, flache cremefarbene Schuhe.

„Herr Moser, gut Sie zu sehen.“ Mir ist am Telefon nicht aufgefallen, wie rauchig ihre Stimme klingt. „Norel ist mein Name.“ Ihr Gesicht ist ohne jeden Ausdruck, ihre Hand weder kühl noch warm.

„Cynthia Norel.“

Mir fällt nichts ein, was ich sagen könnte. Sie setzt sich auf die andere Seite des Tisches.

„Ich hoffe, es ist Ihnen recht, wenn ich Sie bei Ihrem richtigen Namen nenne, Herr Moser?“

„Es ist mir egal, wie Sie mich nennen. Sagen Sie mir einfach, was Sie wollen, Frau Norel.“ Oder wie du auch immer heissen magst, denke ich.

„Selbstverständlich sollten wir gleich zur Sache kommen.“

Sie setzt sich, legt die Hände vor sich auf den Tisch. Nach fünf Minuten ist mir klar, dass sie das meiste über mich weiss, was es zu wissen gibt.

„Herr Pellazzo hat sich gut erholt von den Schussverletzungen, die er bei der Razzia in Albany abbekommen hat“, sagt sie „Ich glaube, er wundert sich immer noch, weshalb sie ihn so mir nichts, dir nichts verraten haben.“

Wie mich diese Frau anwidert. Ich merke, wie die Wut sich langsam in mir zusammen zieht. Versuche, mich zusammenzureissen.

„Sie wollen Geld von mir?“

„Das kann man sagen, ja.“

Bevor ich antworten kann hebt sie ihre Hand.

„Sie werden Geldscheine für mich herstellen, Herr Moser. Griechische Euro, zehn Millionen in Fünfziger- und Hunderternoten. Druckplatten, Scheine, alles. Ich weiss, dass Sie das Know-How haben.“

„Sie sind ja total übergeschnappt“, bringe ich heraus.

Sie schaut mich nur an. Vollkommen bewegungslos, als ob ich ein Insekt unter ihrem Mikroskop wäre. Natürlich ist ihre Idee nicht dumm. Der Euro ist stabil und in gewissen Ländern prüft man nicht regelmässig, ob Falschgeld auf den Markt kommt. Das Geld wird zwar nach einer gewissen Zeit von der Europäischen Zentralbank eingezogen und kontrolliert. Aber bis dahin vergeht Zeit. Ausserdem hat bis jetzt noch keiner meine falschen Noten entdeckt. Gar nicht so dumm. Wenn man Zugriff auf das richtige Papier hat. Und gute Vertriebspartner. Mir wird sehr übel.

„Dann wissen Sie auch, dass ich seit Jahren nicht mehr als Grafiker arbeite.“

„Mir müssen Sie nichts vorspielen, Herr Moser. Ich weiss, dass Ihr Pornokino nur eine Deckung ist. Ich weiss auch, dass Sie in Ihrer Freizeit Grafiken herstellen. Sie sind keinesfalls aus der Übung. Ausserdem ist unsere Werkstatt auf dem neuesten Stand der Technik. Alles, was Sie brauchen wird zur Verfügung gestellt.“

Ihr Ton ist nicht überheblich. Nur sachlich und kühl. Ein einvernehmliches Gespräch zwischen neuen Businesspartnern. Etwas in mir rastet aus.

„Was bist du eigentlich? Die Kaiserin von China? Was bildest du dir eigentlich ein?“ Ich schreie in ihr unbewegtes Gesicht. „Weißt du was? Vielleicht ist es mir schlicht scheissegal, wenn mich einer abknallt! Hast du das mal überlegt? Vielleicht will ich dieses Drecksleben gar nicht mehr! Vielleicht habe ich gar keine Angst vor deinen Mafiamethoden, gute Frau, was? Was?!“ Die Wut pufft aus mir heraus, wie Luft aus einem schrumpeligen Ballon. „Genickschuss und fertig.“

Sie schweigt lange. Dann bewegt sich nur ihr Mund.

„Schon möglich, dass Sie nicht sehr am Leben hängen, Herr Moser. Aber ich glaube nicht, dass es mit einem Genickschuss getan wäre.“

Sie sieht geradewegs durch mich hindurch.

„Ich glaube nicht, dass Sie so sterben wollen, wie Mitchell Waller, oder?“

Mein Magen ist plötzlich eiskalt.


3

„Ich glaube nicht, dass Sie wirklich eine Wahl haben… Sie sind doch nicht etwa überrascht, dass ich alles über Sie weiss?“

„Was wissen Sie über Mitch?“

„Mehr als Sie, Herr Moser. Arbeiten Sie mit uns zusammen. Vielleicht erfahren Sie dann mehr.“

Ich bringe kein Wort heraus.

„Wir werden uns bei Ihnen melden. Jetzt müssen Sie mich entschuldigen.“

An der Tür bleibt sie stehen und sieht sich für eine klinische Sekunde die Wirkung ihrer Worte an. Dann ist sie weg. Es dauert, bis ich aufrecht stehe. Mein Magen zieht sich langsam immer mehr zusammen. Wenn ich etwas gegessen hätte, müsste ich mich übergeben.

Es ist 16.47 Uhr. Ich gehe ohne Ziel durch die Gassen. Die Sonne scheint, es ist mehr als 25 Grad warm, die ersten Touristen lächeln zu den Geranien auf den Simsen hoch. Im Johanniter ist es kühl und schummrig. Es riecht nach kaltem Rauch, Putzmittel und verschüttetem Bier. Der Kellner bringt zwei Cognacs. Nachdem ich die beiden Gläser geleert habe, sitzt die Erinnerung an Mitchell nur noch weit hinten im Kopf. Kein Problem, sie zu ignorieren.

Die Razzia in Pellazzos Büro. Für mich hat sie nur ein paar Augenblicke gedauert. Jemand hat mich von hinten niedergeschlagen. Ich wachte in der Krankenhausabteilung eines Gefängnisses auf. Ich wusste lange überhaupt nicht, was mit Mitch passiert war. Irgendwann erzählte mir meine Anwältin, er sei tot. Wie das passiert ist, sagte er nicht. Zwei Monate später wurde ich in Handschellen nach Zürich spediert. Dort bekam ich einen neuen Namen, eine Wohnung in Zürich. Zweitausend Franken Starthilfe. Mickrig. Seit ich hier ein neues Leben angefangen habe, ist alles nur noch mickrig und lächerlich.

Ich bestelle mehr Alkohol. Ich kann es mir leisten, mich um halb fünf Uhr nachmittags zu besaufen. Vor sechs Jahren habe ich das Kino am Rindermarkt übernommen. Seit ich nur noch Pornos zeige, verdiene ich ernsthaft Geld damit. „Nacktfilme mit künstlerischem Anspruch“ nennt der Vertreiber diesen Abfall. Aber es sitzen jeden Abend mindestens zehn Männer im Saal. Es rentiert sich. Ich habe einen Vorführer angestellt, Kurt. Meine Nachbarn grüssen mich, ich schwimme jeden Mittwoch vier Kilometer im Letzi Hallenbad. Ein echter Schweizer Durchschnittsbürger. Und jetzt habe ich auch ein richtiges Hobby. Blütenherstellung für einen karitativen Zweck. Mein Kopf sinkt neben den leeren Gläsern auf den Tisch. Der Kellner legt mir seine Hand auf meine Schulter. Sie fühlt sich sehr warm an. Er heisst Mehmet und will wissen, ob er ein Taxi für mich bestellen soll. Nein, danke, ich schaffe es alleine auf die Strasse.

Einarbeiten in der eigenen Werkstatt. Das klingt wie bei einem Anstellungsgespräch, oder? Ich muss lachen. Das Kopfsteinpflaster wirft weiche Wellen unter meinen Schuhen. Ich halte mich an einem Halteverbot-Schild fest. Ein bisschen farbiges Papier gegen mein Leben. Die Dame lässt sich nicht lumpen. Ich lache immer lauter, heftiger. Ich ringe nach Atem. Blüten oder Leben. Kann das Lachen nicht kontrollieren, und auch das Schild beginnt ein bisschen zu schaukeln. Jetzt schauen zwei Polizisten zu mir herüber und ich reisse mich zusammen. Wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Die Treppe zu meiner Wohnung hinauf fühlt sich an wie eine Strickleiter.

Ich träume oft, fast immer dasselbe. Von einer hohen, dunklen Museumshalle, voller filigraner Tierskelette. Alle Grössen, von turmhoch bis drei Zentimeter Schulterhöhe. Alle möglichen Schädel. Kleine Dinosaurier, gigantische Auerochsen, ein nordamerikanischer Vielfrass. Alles wird regelmässig abgestaubt. Der Mann mit dem Staubwedel ist Biologe. Er kommt sehr nahe an mich heran und hält mir ein handgrosses Seehundskelett unter die Nase. Zwei winzige Nieren sind an den grätenfeinen Rippen festgenäht.

„Künstliche Nieren“, kichert der Biologe irre, „Gezüchtete Organe. Alle möglichen Innereinen aus der museumseigenen Werkstatt! Der einzige Ausweg aus dem weltweiten Organmangel.“

Ich höre eine Stimme schreien. Sie wirkt unglaublich klein, in dieser riesigen Halle.

Ich fahre hoch und schlage meinen Kopf gegen die Badewanne. Es war meine eigene Stimme, die geschrien hat. Ich muss es sturzbesoffen bis ins Bad geschafft haben. Dem Geruch nach zu schliessen habe ich mich recht präzise in die Toilette übergeben. Ich rapple mich auf. Mache sauber. Setze Kaffee auf.


New York Globe, 16. Oktober 1994, Seite 14

Albany       Gestern Nachmittag wurden die Büros der Baufirma Pellazzo Inc. von einer Spezialeinheit des FBI durchsucht. Dabei kam es zu einem Schusswechsel, bei dem drei Beamte verletzt wurden. Der genaue Verlauf des Geschehens wird noch untersucht. Mehrere Angestellte der Pellazzo Inc. wurden verhaftet. Es wurde eine grössere Summe Bargeld sowie Computer und Geschäftsunterlagen beschlagnahmt. Laut einer Presse-sprecherin des FBI besteht der Verdacht auf Geldwäscherei und illegalem Organ-handel mit Staaten in Osteuropa und Asien.


Auf Wiedersehen

Genau gezählt gab es in der Schweiz nur zwei Leute, die wussten, wie ich wirklich heisse. Beides Polizisten. Leon Hutter wurde vor zwei Jahren von einem Bus in Muttenz überfahren. Armin Planta muss immer noch bei der Bundespolizei sitzen. Als ich ihn noch kannte, hatte er die Angewohnheit, sich tagelang von seiner Sekretärin verleugnen zu lassen. Ich kaufe mir ein Billett und steige in den Intercity 09.51 nach Bern.

Zwischen Zürich und der Hauptstadt liegen neunzig Minuten Idylle aus sanften Hügeln und tiefen Giebeldächern über schwarzen Holzfassaden. Herzlich willkommen für jeden, der bezahlen kann. Die anderen verstauen wir in unseren Betonghettos. Aber die muss man sich nur von den Autobahnen aus ansehen. Mitch hat nicht verstanden, wenn ich mich über die Schweiz aufgeregt habe.

„Muss ein Superland sein, Mosie – sonst würden da nicht alle hinwollen.“

Vielleicht habe ich auch daran gedacht, ihn einmal hierher mitzunehmen. Die Minibar kommt und kommt nicht.

Auch in Bern scheint die Sonne. Noch mehr Geranien und Touristen. Die Bundespolizei logiert an der Taubenstrasse 14. Am Empfang sitzt eine uniformierte Kantonspolizistin.

„Zu Major von Planta?“

„Adelstitel gibt es nicht mehr in der Schweiz“, sage ich.

Sie sieht mich an, als ob das mein Fehler sei. Lässt mich meinen Namen aufschreiben.

Nach 23 Minuten sitze ich vor ihm, zwei Kaffeetassen und einer Schale mit Gebäck (Totenbeinli, mit ganzen Nüssen). Er hört mir zu. Starrt auf die Tischplatte und nickt versonnen. Seine Haare sind noch dünner geworden. Grosse Altersflecken auf der Kopfhaut. Krankhaft mager ist er geworden. In die dicken Polster unter den Augen hat sich ein Netz von tiefen Falten eingegraben.

„Alt siehst du aus, Moser“, sagt er plötzlich ohne aufzusehen.

„Was soll das, Armin?“

„Die meisten Trinker werden nicht sehr alt, oder?“

Ruhig atmen. Sinnlos, sich jetzt provozieren zu lassen.

„Warum weiss halb Zürich plötzlich, wer ich bin?“

„Halb Zürich? Eben war es noch eine einzige Frau. Jetzt komm schon, Moser…!“

„Du weisst, dass ich mit Saufen aufgehört habe“, unterbreche ich ihn. „Jemand hat mich verkauft, Planta. Ich will wissen, was du mit dieser Geschichte zu tun hast!“

„Hör zu, Moser!“, fährt er auf, „Es sieht auch für mich nicht gut aus, wenn jemand aus meinem Zeugenschutzprogramm tot aus dem Zürichsee gezogen wird. Warum sollte ich dich auffliegen lassen?“

„Zeugenschutz? Mach dich doch nicht lächerlich! Ein Name ohne Hintergrundgeschichte und eine Adresse in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin!“

Planta schaut mir mit einer dramatischen Kopfbewegung gerade ins Gesicht. Immer noch der alte Schmierenkomödiant.

„Ich habe das Beste für dich herausgeholt. Vergiss das bitte nicht“, sagt er mit zitternder Stimme, „Du hast keine Sekunde im Gefängnis verbracht. Das war mehr als ein verurteilter Krimineller überhaupt erwarten konnte, verdammt!“

Gleich kommen ihm die Tränen. Ich schlage meine Faust auf die Tischplatte.

„Das nützt mir aber nichts! Ich werde erpresst, Armin! Was wird hier gespielt?“

„Ich habe dir gesagt, was ich weiss!...“

„Wer ist Cynthia Norel, Armin?“

„Nie gehört, diesen Namen!“

„Was hat diese Frau mit dir zu tun?“

„Wer ist das, Moser? Sag mir endlich, wovon du redest?“

Sein Gesicht verschliesst sich, sieht an mir vorbei. Es war ein Fehler, die Karten auf den Tisch zu legen.

„Das weißt du doch am allerbesten, Planta! Hör schon auf Theater zu spielen!“

Er verschränkt die Arme vor der Brust wie ein beleidigter Teenager.

„Ich habe keine Ahnung, was das hier soll, Moser. Wenn du erpresst wirst, musst du zur Polizei gehen. Du siehst selber, dass ich dir nicht weiter helfen kann. Ich habe schon einmal alles für dich riskiert. Das darfst du nicht vergessen.“

Menschen, die Angst haben sind gefährlich. Aber ich habe Armin von Planta nie jämmerlicher gesehen als in diesem Augenblick. Ein kleiner unförmiger Mann, seltsam hilflos, trotz seiner Macht. Plötzlich wirkt alles sehr verstaubt in diesem Büro. Grau-braun, wie hartgewordene Totenbeinli.

„Du hast wohl zu lange hinter deinem Schreibtisch gesessen, was?“

Keine Antwort. Draussen hat es zu regnen angefangen.

„Ich habe alles für dich riskiert“, sagt er noch einmal. Er klingt wie ein Nationalrat vor der Wahl.

„Du hast damals nicht mehr getan, als unbedingt notwendig“, sage ich und stehe auf. „Und jetzt hast du mich verkauft.“

Er fährt auf.

„Jetzt reichts, Moser!“

„Ich weiss nicht warum, aber ich weiss, dass du es warst! Wer sonst?“

Er wird rot im Gesicht und brüllt mich von unten herauf an.

„Das brauche ich mir nicht bieten zu lassen!“

Ich mir auch nicht. Er brüllt immer noch, als ich bereits an der Rezeption vorbeigehe.

Der steile Weg zum Bundesplatz hinauf ist glatt geworden vom Regen. Zweimal rutsche ich aus, bemerke es kaum, so rasend bin ich. In erster Linie auf mich selbst. Was wollte ich eigentlich hier? Gewissheit? Als ob ich nicht von Anfang an Bescheid gewusst hätte. Alle wissen, dass Planta Dreck am Stecken hat. Und dass es Menschen gibt, die daraus Gewinn schlagen, ist wahrscheinlich. Fast tut mir der Mann leid. Das ärgert mich. Im Zugrestaurant bestelle ich einen halben Liter Merlot. Bezahle. Der Wein schmeckt lausig. Ich stehe auf, ohne auszutrinken.



Hale Creek Staatsgefängnis, geschlossene Krankenabteilung,
25. Oktober 1996, 13.30 Uhr

Zuerst fühlt er nur Panik. Er kann Seine Augen nicht öffnen. Er strengt sich an, aber seine Lider bewegen sich nicht. Er will schreien.

„Nur die Ruhe, Waller, nur die Ruhe.“

Etwas Warmes legt sich auf seine Hand. Alles blendet weiss und grell. Alles ist verschwommen. Seine Augen haben sich von alleine geöffnet.

„Nicht bewegen“, sagt jemand.

Die Stimme gehört einem Mann mit schwarzer Brille im Gesicht.

„Sie sind in der Krankenabteilung vom Hale Creek Gefängnis. Sie haben eine Schussverletzung in der Brust, aber Sie werden überleben.“

Der Mann entfernt sich ein Stück.

„Ruhen Sie sich jetzt aus.“

Er verschwindet ganz.

Mitch versucht, ihm nachzusehen. Er kann mich nicht bewegen.

Überleben, hat er gesagt. Hat er das nicht gesagt? Es wird dunkel.


Werkstatt

Ich drücke dem Taxifahrer zwanzig Franken in die Hand und übergebe mich in den nächsten Abfalleimer. Hinter meinen Augen pulsieren die Schmerzwellen und mein Magen knüllt sich zu einem schmerzenden Knäuel zusammen. Als er leer ist, sehe ich, dass dieser Mensch immer noch mit dem Wechselgeld hinter mir steht. Ob es mir gut gehe, will er wissen. Ich stopfe die Münzen in meine Tasche und versuche, mich durch die kreisenden Ringe vor meinen Augen zu orientieren. Die Abgaswolke des davon fahrenden Taxis verursacht mehr Brechreiz. In einem Fenster hoch über mir lässt ein Punker mit seligem Lächeln die Beine über den Fenstersims baumeln.

Das Atelier liegt zwei Hausnummern weiter, an einer lärmigen Durchgangsstrasse. Gestern wurde ich wieder telefonisch in das Anwaltsbüro bestellt. Die hektische Sekretärin drückte mir einen gepolsterten Umschlag in die Hand.

„Wenn Sie Fragen haben, können Sie jederzeit bei uns anrufen.“

Ich sehe keine Spur von Ironie in ihrem Gesicht. Im Umschlag war ein einzelner Schlüssel und ein Blatt mit einer Adresse der Stempelfabrik Ch. Meili & Co. Es dauert eine schlaflose Nacht, bis ich mich aufraffe, dort hin zu gehen. Der Schlüssel passt an der Haustür. Ein Stromzähler tickt im Treppenhaus. Das graumelierte Linoleum glänzt makellos auf den Stufen in den Keller hinunter. Eine breite Doppeltür aus grau gestrichenem Metall, der Schlüssel passt auch hier. Es ist still im Raum, Tageslicht fällt durch eine Reihe Oberlichter herein. Ich ziehe die Tür hinter mir zu. Der Geruch von Kunststoff und geöltem Metall steht massiv im Raum. Schachteln und Holzkisten sind durcheinander gestapelt, drei plastikumwickelte Paletten unter den Fenstern aufgereiht. Dazwischen ein Kopiergerät, Lampen, ein Schreibtisch, Computer, zwei überbreite Bildschirme. Ein Leuchttisch mit hängenden Kabeln. Alles in Plastik eingepackt. Eine Druckmaschine steht in einer alten Fabrikhalle am Rande der Stadt. Das hat mir jedenfalls die Norel am Telefon erzählt. Bilder der Maschine und ein Prospekt mit technischen Daten der Anlage liegen im Umschlag. Warum habe ich das Ding noch nicht zu sehen bekommen, zum Teufel? Wie soll ich so vernünftig arbeiten können? Der Ärger drückt eine Schmerzwelle durch meinen Kopf. Es ist kein Stuhl zu sehen und ich setze mich neben dem Türrahmen auf den Betonboden. Von hier unten sehe ich, dass die Fenster etwa einen Meter unter dem Strassenniveau liegen. über die Gitterroste darüber schweben ab und zu Schatten. Fussgänger auf dem Gehsteig oben. Das Ganze hier ist so unauffällig, wie nur möglich. Ich kann in Ruhe arbeiten. Cynthia Norel kann mich mühelos überwachen. So sind doch alle zufrieden und glücklich! Nur noch auspacken und anfangen, was! Hinter meinen Augen hämmert die Migräne. Sechs Monate für die Druckvorlagen. Mindestens. Drei für das Drucken. Mein Magen knüllt sich wieder zusammen.

„Danach werden Sie nie wieder etwas von uns hören, Herr Moser. Das garantiere ich Ihnen.“

Will sie mich im Zürichsee versenken, oder was? Sie klingt nicht besser als Planta. Ich versuche, nicht an sie zu denken. Oder an das, was nachher kommt. Nicht jetzt.

Bis ich wieder aufrecht stehe, die Tür hinter mir abgeschlossen, mich die Treppen hochgearbeitet habe vergeht Zeit. Irgendwann sitze ich wieder in einem Taxi. Die Fahrt dauert eine verdammte Ewigkeit. Der Chauffeur schaut mich ständig im Rückspiegel an, hält aber Gott sei Dank den Mund. Kein Trinkgeld diesmal. Mein Treppenhaus ist unendlich lang. Ich sollte in ein Haus mit Lift umziehen. Die Tabletten muss ich zuerst suchen. Zwei Schachteln von zwei verschiedenen Ärzten, die nichts voneinander wissen. Es dauert etwas mehr als fünf Minuten, bis es schwarz wird um mich.

4
Träumerei

Die Kopfschmerzen sind weg, als ich aufwache. Das Schwindelgefühl zum Aushalten. Der Durst grenzenlos. Ich giesse einen halben Liter Wasser hinunter. Es ist gut, wach zu sein. Die Tabletten helfen nicht gegen Alpträume. Aber die Schüsse riechen nicht so penetrant nach Schiesspulver. Ich gehe ins Bad und lasse mir kaltes Wasser in den Nacken fliessen. Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich immer noch die Bilder. Die Explosion ist grell und unglaublich heiss. Sie beginnt an der dunklen Wand vor mir, kommt mir langsam entgegen. Ich kann mich nicht bewegen. Wie ein Käfer liege ich auf dem Rücken und sehe der Hitze zu, wie sie zu mir herüber kommt. Hinter ihr folgen die Skelette. Menschliche Skelette. Sie machen einen Höllenlärm. Ich komme fast um vor Angst, bis ich merke, dass sie nichts von mir wollen. Die trampeln einfach an mir vorbei. Stampfen alles nieder, was ihnen in den Weg kommt. Ausser mir. Feuern mit Maschinenpistolen an mir vorbei. Ich fühle den Luftzug jedes Schusses. Aber mir passiert nichts. Sie zielen auf Mitch. Als ich ihn bemerke, ist er schon getroffen. Von hunderttausend Kugeln. Immer mehr Skelette stampfen herein. Und hören nicht auf zu schiessen. Dabei ist er schon lange tot. Das Blut ist schon lange aus ihm heraus geflossen. Phosphorgrün liegt er da.

„Die Schweiz ist ein Superland, Mosie.“

Jetzt muss ich mich doch übergeben. Als auch keine Galle mehr kommt, setze ich mich auf den Badewannenrand und schnappe nach Luft. Die Norel meint, man sehe mir die schlaflosen Nächte langsam an, meint sie. Auf meine patzige Antwort ist sie nicht eingegangen. Mein Magen zieht sich wieder zusammen.

Ich habe nie gesehen, wie Mitch gestorben ist. Aber er war dabei, als das FBI das Haus in Manhattan gestürmt hat. Der Hauptsitz der Firma, mit Büros und einem Penthouse wo Gäste übernachten konnten. Die wichtigsten Leute der Firma trafen sich einmal im Jahr. Eine alberne Tradition. Pellazzo sah sich gerne als eine Art Pate. Die Polizisten kamen um neun. Seither habe ich ein künstliches Knie. Die meisten von Pellazzos Leuten wurden auf der Stelle erschossen. Mitch ist in Seattle begraben, hat man mir gesagt, da wo er herkommt. Ich habe sein Grab nie gesehen. Dafür stirbt er dreimal die Woche in meinem Kopf. Ich frottiere meine Haare mit einem frischen Handtuch. Wenn dies hier vorbei ist, werde ich nach Seattle reisen.

Umrisse

„Sie sind der erste Mann, der mir erzählt, er habe Migräne, Herr Moser“, sagt Cynthia Norel. „Sie sollten jetzt in der Werkstatt sein.“

Sie legt auf, ohne auf meine Antwort zu warten.

Als ich fünfzehn Minuten später im Keller ankomme, sind bereits zwei Mann bei der Arbeit. Ich weiss nicht, wer die sind. Und ich frage auch nicht, wer sonst noch alles einen Schlüssel zur Werkstatt hat. Lautlos ziehen die beiden ihre Teppichmesser durch die Plastikschichten um die Maschinen. Routiniert, ohne eine überflüssige Bewegung, ohne ein Wort zu sagen. Ich mache mit. Alle Geräte an die richtigen Stellen rücken, Kabel anschliessen, probeweise einschalten. Drei Stunden Konzentration, dann steht alles, wo ich es will. Endlich gehen die beiden. Ich fange an, die Maschinen einzuschalten, Programme zu wählen, Lichtstärken anpassen, Bildschirme und Displays ausrichten. Um 13.23 Uhr lasse ich mich auf den Bürostuhl vor dem Kopiergerät fallen und schlucke zwei Tabletten. Die Maschinen summen in der Stille. Ich öffne die Fenster über mir. Gedämpfter Strassenlärm und der Geruch von nassem Asphalt fallen herab. Ich denke an die Vergrösserung des Euroscheines, die ich mir bald auf dem Leuchttisch ansehen werde. Die haarfeinen Linien, die Anordnungen der Farbfelder, die Schattierungen. Bis ich alles mit geschlossenen Augen vor mir sehe. Die Changiereffekte, die Wasserzeichen, Sicherheitsstreifen. Die Prägung BCE ECB EZB EKT EKP 2002. Schicht für Schicht, bis eine komplette Landschaft aus Flächen, Linien, Farben und Effekten in meinem Hirn gewachsen ist.

„Wir werden nicht die einzigen sein, die Fünfzigerscheine auf den Markt bringen“, habe ich zu Cynthia Loren gesagt.

„Aber Ihre werden die besten sein, Herr Moser.“

Wahrscheinlich. Aber was nützt das, wenn keiner mehr Fünfziger haben will, weil Europol bereits die Fühler nach Fälschungen ausgestreckt hat? Ich weiss nicht, was sie für Pläne hat. Aber ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich hier lebend rauskomme. Oder soll ich ihr vertrauen? Lächerlich. Obwohl sie mir trotz allem schöne Augen macht. Oder vielleicht meine ich das bloss? Dieses Problem hatte ich bei Pellazzo nicht. Ich versuche, mich auf meine Arbeite zu konzentrieren. Lange her, seit ich das letzte Mal Geld gefälscht habe. Für Pellazzo fabrizierte ich Exportpapiere, Stempel, Visa. Handwerklich keine grosse Herausforderung. Aber gut bezahlt. Und ich hatte Zeit, um meine eigenen Grafiken zu machen. Ich habe Grafiken von Dürer kopiert. Wie ein Student bin ich in der Albany City Gallery gesessen und habe abgezeichnet, was das Zeug hielt. Dazwischen ein paar eigenen Ideen.

„Sieht aus wie dieser Dali“, meinte Mitch. „Dälai“ sprach er den Namen aus und war etwas beleidigt, als ich darüber lachte. Das tat mir leid. Als er das merkte, sagte er gleich:

„Wie gemein Du sein kannst, Mosie!“ Das tat mir leid.

„Gib mir einen Kuss zur Wiedergutmachung“, sagte er dann.

Ich habe ihn einfach stehen gelassen. Aber seine Augen kann ich bis heute auf meinem Rücken spüren.

Die Grafiken wurden alle vom FBI beschlagnahmt. Das machte mir nicht viel aus. Ich wollte sowieso neu anfangen in der Schweiz. Alles hinter mir lassen. Obwohl ich nichts bereue, was ich in New York gemacht habe. Die beste Zeit meines Lebens: eine Arbeit, die mir passte und gut bezahlt war. Das meiste des Geldes schickte ich direkt auf ein Depot auf den Caymans. Am Schluss war es ein Teil des Kuhhandels mit dem Staatsanwalt, dass darüber nicht diskutiert wird. Meine gesammelte Zeit liegt in einem Depot und wartet auf mich. Das meiste konservativ angelegt in Langzeitobligationen. Ich bin kein Spieler. Ich setze auf Zeit. Auf Zähne zusammenbeissen und durch. Sinnlos, mir immer wieder vorzustellen, was passiert wäre, wenn ich gar nie bei Pellazzo angefangen hätte. Oder wenn ich mir ausmale, was passiert wäre, wenn ich nach der Razzia den Mund gehalten hätte. Es war pures Schwein, dass ich überlebt habe. Was Fälschungen angeht, lässt die Gesetzgebung des Staates New York lässt eine flexible Auslegung zu. Zwölf Jahre Gefängnis oder eine Busse von 250.000 Dollars. Das wusste mein Anwalt gut. Ich sei der erste Ausländer, den er verteidige, sagte er mir. Er wirkte begeistert.

„Wir werden zusehen, dass Sie deportiert werden, Herr Moser! Das wird sich schon machen lassen! Na, was meinen Sie?“

Als Kronzeuge teilte ich seine Begeisterung.

Ich bemerke, dass ich die ganze Zeit hin- und hergehe. Von einer Wand zur andern. Wie der Gedanke, der mich seit zehn Jahren nicht loslässt. Ich stütze mich mit beiden Händen auf den Leuchttisch. Sehe mein Spiegelbild auf der dunklen Glasplatte. Ich weiss sehr genau, warum ich im Grunde sehr gerne weg wollte von Pellazzo und dem ganzen Dreck. Die Zertifikate, die ich herstellte waren medizinische Bescheinigungen, dass gewisse menschliche Organe frei von infektiösen Krankheiten waren. Ich habe nie gefragt, woher Pellazzo diese Dinge hatte. Wieso sollte ich auch?

„Jeder kann etwas, Henry“, pflegte Pellazzo zu sagen, „Du bist mein Künstler! Ich bezahle dich gut, du fälschst gut. So einfach ist das!“

Aber Organe waren nicht Pellazzos einziger Geschäftszweig. Meine letzten Kunstwerke waren Zustimmungen von chinesischen Unfallopfern, dass ihre Körper im Todesfall gerne gehäutet und plastifiziert werden durften. In den Papieren stand, dass diese Menschen nichts dagegen hatten, als Objekte in allen möglichen Posturen fixiert und in einer kommerziellen Ausstellung durch das Land gekarrt werden durften. Das FBI hat diese Dokumente als Beweismittel gegen mich verwendet.

Es traf sich gut, dass der Staatsanwalt ausserordentlich daran interessiert war, was ich alles produziert hatte. Beim Verhör legte er einen linierten Block und einen Kugelschreiber vor mich auf den Tisch. Der Pflichtverteidiger legte blitzschnell seine Hand darüber.

„Straffreiheit, eine neue Identität und eine Flugreise in das Land seiner Wahl“ fordert er, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Staatsanwalt macht einen Schmollmund, glotzt auf den Block, nickte zum Schluss zweimal heftig.

„Dafür will ich alles. Restlos alles. Hier auf dieses Papier. Und wenn wir bis Mitternacht hier sitzen.“

Kurz vor 02.00Uhr hatte der Staatsanwalt alles schriftlich, was er wissen wollte. Es war genug, um alle Überlebenden einzusperren, niemanden weniger als fünf Jahre, wie mir der Pflichtverteidiger auf dem Weg zum Flughafen ins Gesicht strahlte. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass der Mann wie ein Filmstar aussah.

Ich wollte auf keinen Fall in ein amerikanisches Gefängnis. An Pellazzos Jungs fürs Grobe konnte ich jeden Tag sehen, was diese Anstalten aus Menschen machen. Und Mitch? Mitch war kein Junge fürs Grobe. Im Gegenteil.

Kontrolle ist besser

Serge glaubt nicht, dass Heiner Moser krumme Nummern drehen würde. Er hat ein Gespür für so was. Aber er begreift, dass Cynthia sichergehen will. Also fährt er zu dem Haus mit der Werkstatt. Der Geruch und der polierte Plastikfussboden in diesem Treppenhaus erinnern ihn an seine alte Schule. Kein Ton zu hören. Die graue Kellertür ist abgeschlossen und er klopft an. Keine Antwort. Er lauscht. Nichts. Hier ist niemand. Was soll das jetzt heissen? Einen Augenblick lang weiss er nicht, was er machen soll. Er lauscht noch einmal. Moser sollte hier sein. Er hat selber gesagt, dass er zwischen acht und vier hier unten arbeitet. Das ist er aber heute nicht. Serge geht wieder nach oben. Bleibt vor der Haustür stehen. Das hier sieht nicht schön aus, denkt er, nicht schön. Auch wenn Moser wahrscheinlich nur eben zum Einkaufen weg ist. Oder zum Optiker. Er trägt seine Brille sicher auch, wenn er arbeitet. Serge schüttelt seinen Kopf und nimmt sein Handy aus der Hosentasche. Vielleicht kommt Moser gleich um die Ecke, beladen mit einer Tüte und einem Sixpack. Nein. Das tut er nicht. Wyler weiss nicht, was er denken soll. In seinen Augen ist Moser kein übler Kerl. Allerdings weiss man nie, was in einem Menschen vorgeht, der in so eine Situation geraten ist. Er versucht, sich in diesen Mann hinein zu denken. Eine Gedankenübung aus dem Karatetraining. Denke dich in deinen Gegner hinein und du weisst, wohin er geht. Nicht sicher, ob diese Taktik bei Heiner Moser hilft. Der redet fast nie mit Serge. Murmelt immer in seinen Schnurrbart, aber sagt nie wirklich etwas. Schwer einzuschätzen. Sehr schwer.

Serge Wyler setzt sich in sein Auto und schaut ein bisschen vor sich hin. Dann nimmt er sein Handy.

„Cynthia? Hier drüben ist alles in Ordnung…“


Projektion

Ich wache immer um halb sechs Uhr auf. Einen Wecker brauche ich schon lange nicht mehr. Meistens bin ich sofort ganz wach. Fenster auf im Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche. Kaffeewasser aufsetzen, Filterkaffee, schwarz, zwei Löffel Zucker, aus der grossen Tasse. Auberson Zementwerke Aarau steht darauf. Wenn ich mit Schmerzmitteln eingeschlafen bin, ist mein Magen so leer, dass ich eine dünne Scheibe Brot zum Kaffee esse. Mehr bringe ich nie herunter. Morgens versuche ich, die Skizzen vom Vortag umzuarbeiten, so weit zu bringen, dass es sich lohnt, sie auf Metallplatten zu ritzen und Abzüge zu machen. Das braucht viele Versionen und lohnt sich am Ende nur selten. So ist das eben: ich mache trotzdem weiter. Gegen Mittag trinke ich ein Glas Milch und gehe ins Kino. Nicht mein Traumjob, Besitzer eines Pornokinos. Aber als ich zurück kam, war das eine der wenigen Gelegenheiten, von der dunkel-feuchten Wohnung in Oerlikon wegzukommen. „Erwachsenenunterhaltung mit erotischem Flair“. Ich zog in eine Wohnung keine fünf Minuten vom Kino. Ich fand Kurt, den Vorführer. Ich brauche jemanden, der wusste, wie man diese Maschinen bedient, er braucht eine Halbtagesstelle. Keine weiteren Fragen. Nächstes Jahr geht er in Pension.

Ich schliesse den Hintereingang auf, stehe sofort in dem kleinen Vorführraum. Zwei Apparate projizieren je nach links und rechts in die beiden Säle. Eine schmale Tür führt in den Aufenthaltsraum, von da aus gehe ich weiter ins Foyer. Ich schliesse den Haupteingang auf, schiebe den Schirmständer vor die Tür, um sie offen zu halten. Wie jeden Tag. Zwei Plakate liegen über der Theke des Billettschalters, ich nehme sie, um sie in den Glaskasten neben dem Eingang zu hängen. Ich schaue sie nicht mal an, Kurt wählt die Filme aus. Eine junge Frau sieht mir zu, wie ich die Plakate austausche den Kasten öffne, die alten Plakate herausnehme, die neuen aufhänge.

„Arbeiten Sie gerne hier?“, fragt die Frau plötzlich.

Ihre Stimme ist überraschend tief. Die Art, wie sie mir ins Gesicht starrt, hat etwas von einem provozierenden Kleinkind.

„Ja, ich glaube schon“, sage ich, und will wieder hinein gehen.

„Bezahlt man Sie gut?“

Ein sehr aufdringliches Kleinkind. Mit einem rundlichen Pipi-Langstrumpf-Gesicht und mausbraunem Haar.

So geduldig wie möglich sage ich: „Reich geworden bin ich bis jetzt nicht.“

„Nein“, sagt sie und runzelt die Stirn. „So sehen Sie auch nicht aus.“

Ich muss lachen.

„Wie sehe ich denn aus?“

„Wie ein Künstler“, sagt sie.

Es gibt auch reiche Künstler, du aufdringlicher Fratz, denke ich.

„Tja, und Sie klingen wie Miss Marple, wenn ich das so sagen darf.“

Sie stutzt. Dann lacht sie auch.

„Sie dürfen alles so sagen, was Ihnen in den Sinn kommt, sagt sie laut, „So lange es stimmt.“

Wir bleiben beide stehen. Ich mit zwei zusammengeknüllten Plakaten unter dem Arm, sie mit einem amüsiert-skeptischen Gesicht, der nicht richtig in ihr Gesicht passt. Wir beginnen zu reden. Über Männer und Zynismus. Ich sehe nicht aus, wie ein Zyniker, meint sie. Ich gebe irgendeine Antwort, sie fragt weiter – erzählt mir was.

„Sie haben bestimmt eigene Kinder“, sagt sie plötzlich.

Mitch fällt mir ein.

„Ich muss jetzt weiter“, sage ich.

Sie auch. Es sei ja schon spät. Sie hält mir ihre Hand hin.

„Marina Rigbolt“, sagt sie.

Ich murmle etwas. Sie ist weg.

Ihre Schritte kurz und schnell. Kurt kommt und nimmt mir die Plakate ab.

Ich setze mich auf die kleine Ledercouch im Foyer, ohne den Blick vom Boden zu heben. Kurt macht sich im Vorführraum zu schaffen.

Seit letzter Woche musste ich mehr als einmal die Arbeit liegen lassen, weil am Morgen das Zittern in den Händen nicht zu kontrollieren war. Es macht mich krank, beschnüffelt zu werden. Telefonanrufe mitten in der Nacht, das kenne ich ja schon von ihr. Aber einfach auflegen, ohne ein Wort zu sagen? Lachhafter geht es nicht mehr. Es braucht mehr, um mir Angst zu machen. Das Problem ist nur, ich kann nicht mehr einschlafen, wenn ich so geweckt werde. Zu wach zum weiterschlafen, zu müde um wach zu bleiben. Schlaftabletten zu nehmen traue ich mich nicht, mit all den Schmerztabletten, die ich nehme. Ich will trotz allem nicht für immer einschlafen. Immerhin, bis jetzt funktioniere ich noch. Komisch, dass mich dieser Gedanke traurig macht.

Ich stehe auf und gehe etwas umher. Fühle mich dumm und einsam. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich alleine. Weil ich weiss, dass Mitchell Waller nicht gleich auftauchen wird und irgendwelche merkwürdigen Fragen über die Schweiz oder Europa oder meine Frisur stellen wird. Bloss weil er ein Gespräch anfangen will. Das hat gegen die neuenglische Kälte geholfen. Zurück in die Staaten kann ich nicht. Will ich auch nicht. Aber es wäre schön, Mitch bei mir zu haben.



5

11. November 1994, Büro der Staatsanwaltschaft, New York City

Elaine Starington ist eine eindrückliche Persönlichkeit. 1,83 m gross, welliges rotes Haar bis auf die Schultern, Elfenbeinhaut, Sommersprossen auf den Wangenknochen, grosse graue Augen. Die meisten Leute übersehen den bitteren Zug um ihren Mund, der von dem Preis erzählt, den eine hinreissend aussehende Anwältin zu bezahlen hat. Trotzdem hat sie es geschafft, sich den Enthusiasmus für ihre Arbeit zu bewahren. Allerdings hütet sie sich, heute enthusiastisch auszusehen. Sie sitzt Staatsanwalt Morrisey gegenüber, einer der wenigen Männer, die ihr nicht ein einziges Mal auf den Busen gestarrt haben. Republikaner, für die Todesstrafe, gegen alles, was nicht bürgerlich, reformiert und spätestens um zehn Uhr im Bett ist. Ein Fossil. Aber er weiss es zu schätzen, dass diese Frau ihn trotz seiner roten Kartoffelnase und altväterlichen Art nie unterschätzt hat.

„Ich freue mich, mit Ihnen zu verhandeln“, sagt er und schaut seiner Nase entlang auf die Akte.

„Frau Anwältin… Ihr Mandant ist ein aktenkundiger Schläger und Geldeintreiber… College abgebrochen… Diebstahl, Kreditkartenbetrug … Sagen Sie mir doch einmal … Warum sollte ich ihn nicht einsperren und den Schlüssel wegwerfen?“

Mit dieser gewalttätigen Eröffnung hat sie gerechnet. Sie kennen sich schon lange. Gut zu wissen, wo man seinen Gegner hat, denkt sie.

„Weil Sie kein Interesse daran haben, aus einem unreifen Teenager einen ausgekochten Kriminellen zu machen, Herr Staatsanwalt. In Ihrer Funktion haben Sie auch die Pflicht, an das Staatsbudget zu denken.“

Jetzt irritiert es sie doch ein wenig, wenn er auf diese abwesende Art unverständliche Dinge murmelt. Sein Gesicht erinnert sie dann immer an Knecht Ruprecht.

„Jaja, Sie haben gut aufgepasst bei Ihren Kriminologie-Seminarien…“, nuschelt er fast unhörbar.

„Wie bitte?“

„Professor Schwarzer… haben Sie nicht bei Edwin Schwarzer studiert?“

Sie erlaubt sich ein kleines Lächeln.

„Das habe ich Ihnen das letzte Mal erzählt, Herr Staatsanwalt.“

Mit einem Ruck geht ein Licht an in seinen Augen und er starrt sie an.

„Was wollen Sie denn jetzt machen, Frau Anwältin?“

Sie weiss sehr gut, dass dieser versöhnliche Ton hier nichts mit Versöhnlichkeit zu tun hat.

„Mein Mandant ist gestern ins Gefängniskrankenhaus Hale Creek Gefängnis überstellt worden. In seiner Abwesenheit schlage ich Ihnen vor, ihn zu 18 Monaten Jugendstrafe zu verurteilen. Als Auflage schlage ich vor, dass er ein Fernstudium absolviert und danach ein Praktikum zu ende bringt.“ Sie holt tief Luft. „Im Gegenzug können Sie davon ausgehen, dass der Junge in Zukunft dem Vollzugswesen keine weiteren Kosten verursachen wird.“

Ihre Hände liegen locker auf dem Tisch vor ihr, ihr Gesicht ist entspannt, aber ihre Augen erwidern hart den Blick des Staatsanwaltes. Lange Pause.

„Was will er denn studieren, unser reuiger Sünder?“

Es ist ihr klar, dass er die Bemerkung mit dem Sünder absolut ernst meint.

„Sozialarbeit, Herr Staatsanwalt.“

Morrisey nickt gewichtig.

„Ein Einsichtiger, der anderen auf den Weg helfen will. Schöne Idee.“ Er lehnt sich langsam vor.

„Drei Jahre, damit ich sehe, dass es diesem jungen Mann ernst ist.“

Elaine Staringtons Augen werden eine Spur schmaler.

„Also gut. Aber zwei davon in offenem Vollzug, sonst wird er nie eine Stelle als Sozialarbeiter bekommen.“

Morrisey lässt sich zurück sinken. Langsam wird sein Blick wieder abwesend.

„Jaja, ein Fernstudium ist kein Kinderspiel. Er wird sich auch nicht vor den täglichen Pflichten in der Strafanstalt drücken können… Nicht einfach das ganze…“

Er lächelt die Anwältin abwesend an.

„Ich lege hiermit das Strafmass für Ihren Klienten auf drei Jahre Jugendstrafanstalt fest, davon sechs Monate im offenen Vollzug. Als Auflage wird er ein Fernstudium der Sozialarbeit abschliessen, innerhalb der Vollzugsperiode. Ausserdem ein einjähriges Praktikum als Sozialarbeiter im unmittelbaren Anschluss, im Staate New York. Hält sich Ihr Klient nicht an diese Bedingungen, wird die Strafe in sechs Jahre geschlossenen Vollzug ohne Bewährung umgewandelt.“

Er sieht gedankenvoll zu, wie ihre Lippen zu einem schmalen Strich werden.

„Gott stehe Ihrem Mandanten bei, Frau Anwältin.“

Lichtspiel

Zwei Tage später treffe ich wieder auf die junge Frau, als ich die Niederdorfstrasse hinunter gehe.

„Wir kennen uns doch“, sagt sie höflich. Sie trägt Jeans, ein gut sitzendes T-Shirt und eine Anzugsjacke. Ihre hochgesteckte Frisur lässt sie einiges erwachsener aussehen, als neulich.

„Wissen Sie noch? Ich heisse Marina Rigbolt“, sagt sie. Ich muss ratloser aussehen, als ich gedacht habe. Sie trägt ein Aktenköfferchen aus hellem Holz.

Ihr warmes Lächeln kommt mir vollkommen unmotiviert vor. Ein grosses, warmes Kinderlachen. Ich war auf dem Weg in die Werkstatt aber das ist mir jetzt egal.

„Kommen Sie, wir gehen einen Kaffee trinken“, sage ich. Und staune einen Moment, als sie annimmt. Wir setzen uns ins Café Rindermarkt. Ich bestelle Mineralwasser für mich und Yogi-Tee für sie. Eigentlich müsste sie jetzt einfach loslegen, irgendwas erzählen, von sich vielleicht. Das tut sie aber nicht, sondern rührt schweigend Honig in ihren Tee.

Ich geniesse die Stille ein paar Minuten lang. Dann kommt mir Mitchell in den Sinn.

„Wollen Sie mir von sich erzählen?“, frage ich sie.

„Was interessiert Sie denn? Ich meine, Sie haben doch sicher ein viel interessanteres Leben als ich.“

„Unsinn“, fahre ich auf und bereue es sofort. „Ich bin bloss Kinobesitzer. Das ist alles.“ Wieder sieht sie enttäuscht zur Seite. Manchmal würde ich gerne den Leuten erzählen, was sie hören wollen.

„Erzählen Sie!“, sage ich und versuche aufmunternd zu klingen.

Leicht gelangweilt fängt sie an, dass sie Jus studiert und ihre Dissertation über Menschenrechte schreibt. Dass Rigbolt ein lettischer Name sei, die Familie aber im 19. Jahrhundert nach Zypern ausgewandert, in den Siebzigern geflüchtet ist, dass keiner in der Familie aus der Schweiz weg will. Ich erzähle ihr meine Geschichte, oder das, was ich von der Bundespolizei als Alibi bekommen habe. Es waren nur wenige Menschen, die mich danach gefragt haben. Das Mädchen schaut mir direkt in die Augen, wenn sie mir zuhört. Als ob sie dahinter sehen könnte. Ich fand sie masslos irritierend.

Schattenwurf

Serge Wyler fährt die Strecke zwischen Schwammendingen und Dietlikon seit zehn Jahren, drei mal die Woche. Ins Fitness–Center, so wie heute. Kurz nach sieben, die Stunde zwischen Abendessen und Tagesschau, wenn der Verkehr spärlich ist. Serge kommt zügig voran, immer unter der Tempogrenze. Ein verantwortungsvoller Fahrer. Kann schon sein, dass er einiges zu beweisen hat. Aber nicht, wenn er im Wagen sitzt. Wenn einer seiner Freunde ihn heute Abend sehen könnte, wäre er deswegen bestimmt überrascht zu sehen, dass Serges Wagen einfach aus dem Blickfeld verschwindet. In der ersten Kurve nach der Ortseinfahrt Dietlikon. Die Sonne steht tief, es ist noch nicht ganz dunkel. Vielleicht das scharfe Gegenlicht? Ein Moment lang durch irgendetwas abgelenkt? Hinterher kann das niemand so genau sagen, denn es gibt niemanden, der das fürchterliche Kreischen von Metall auf Beton gehört hat, den dumpfen Aufprall, das hässliche Knittern von Blech. Und die scheussliche Stille danach. Erst fünf Minuten später hält das erste Auto an der Unfallstelle. Ausgerechnet zwei Polizeibeamte in Zivil. Sie rufen sofort eine Ambulanz, versuchen, den Verletzten aus dem Blechhaufen seines Fahrzeuges zu befreien, rufen zum Schluss die Feuerwehr, weil der Mann zu sehr verkeilt ist. Die Notiz unter „Vermischtes“ im Unterländer Anzeiger am nächsten Tag: Selbstunfall. Vermutlich überhöhte Geschwindigkeit in der Kurve – auf jeden Fall keine Bremsspur. Serge hat noch nie einen Unfall gehabt. Und er fährt nie zu schnell. Die Polizei sucht Zeugen, es ist nicht sicher, dass der Fahrer überlebt. Das Unfallopfer habe einen dreifachen Schädelbruch erlitten steht im Rapport. Neben beträchtlichen anderen Verletzungen. Der Bremsmechanismus des Unfallwagens ist dahingehend manipuliert worden, dass dessen Nichtfunktionieren als Unfallursache feststehe. Es liege deshalb entweder versuchter Selbstmord oder versuchter Mord vor. Das Dossier wird an die Kriminalpolizei weiter geleitet. Die Sprache im Polizeirapport ist genauso nüchtern und fremdartig, wie die Apparate, die Serge auf der Intensivstation am Leben erhalten.

„In die Intensivstation selbst können Sie nicht.“ Die Krankenschwester spricht mit rollendem Akzent. Finnin, denkt Cynthia Norel. „Aber Sie können gerne einen Blick auf ihn werfen“, sagt die Frau. Sie ist rund und blond und genauso zierlich wie Cynthia.

Cynthia Norel stellt sich vor eine Glasscheibe und schaut auf das schmale Bett mit grünem Bettzeug. Wie ordentlich er daliegt. Symmetrisch. Beide Hände auf der grünen Decke. Ein breiter weisser Rand Laken unter seinen Armen. Seine Haare sehen frisch gekämmt aus. Sein Gesicht ist genau geradeaus gerichtet. Präzise, also ob nur knapp Platz wäre für ihn. Eine Bewegung und er fällt, denkt Cynthia Norel. Sie lehnt sich mit dem Rücken an die Scheibe. Serge Wyler ist halb tot und sieht immer noch aus, als gäbe es nichts Wichtigeres gibt im Leben, als nicht zu fallen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich wie ein Automat. Der behandelnde Arzt hat nach frischem Knoblauch gerochen und tiefe Furchen auf der Stirne getragen. Trotz stabilem Zustand sei das Ärgste noch nicht überstanden, deswegen das künstliche Koma. Der Mann hatte etwas Gequältes an sich.

„Geht es Ihnen gut, Frau Wyler?“, fragt die Finnin und eilt mit langen Schritten an ihr vorbei.

Cynthia Norel hat sich als Wylers Tante ausgegeben.

„Trinken Sie eine Tasse Tee mit uns“, sagt die Krankenschwester als sie wieder zurück kommt und geht voran ins Büro. Cynthia Norel setzt sich auf einen Bürostuhl und bekommt eine Tasse Tee in die Hand gedrückt. Vor ein paar Wochen hat er sich ein neues Auto angeschafft. BMW M3, Anthrazit. Dasselbe Model, wie Cynthia, in derselben Farbe. Sie hatte gelacht. Mein Kleiner wird richtig ehrgeizig, hatte sie gedacht. Aber sie weiss, dass dieser Anschlag für sie bestimmt war. Was Knaags ehemalige Geschäftspartner angeht, hat sie sich von Anfang an keine Illusionen gemacht. Früher oder später würde einer von ihnen sich daran erinnern, was von Knaags Vermögen übrig geblieben war. Dann würde es ungemütlich werden für sie. Aber gleich so drastisch? Es fällt ihr niemand ein, dem sie dermassen auf die Zehen tritt. Oder treten könnte. Hat Wyler doch ein paar Leichen im Keller? Ein paar kleine Geheimnise, von denen sie nichts weiss, vielleicht?

„Herr Wyler wird wahrscheinlich nächste Woche aus dem Koma geweckt werden.“ Die Krankenschwester schaut auf Cynthia Norel.

„Sie werden dann als erste mit ihm sprechen können.“

„Das ist gut“, sagt Cynthia Norel rasch, „hier ist meine Karte. Es wäre schön, wenn Sie mich anrufen.“ Sie steht auf. „Er hat sonst niemanden.“

Die Frau nickt verständnisvoll.

Ich muss mit ihm sprechen, bevor die Polizei an ihn herankommt, denkt Cynthia Norel. Ich will seine Geheimnisse nicht in irgendwelchen Rapporten verewigt.

Besuch

„Taugwalder ist mein Name. Kantonspolizei.“

Cynthia Norel lässt sich Zeit, um die dünne Person in sandfarbenen Marlene Dietrich Hosen an ihrer Wohnungstüre anzusehen.

„Ich untersuche die Ursache von Herrn Wylers Unfall“, sagt die Polizistin.

„Das ist gut“, sagt Cynthia Norel, „aber wie kann ich Ihnen da weiterhelfen?“, und bittet sie herein.

Unmöglich zu sagen, wie alt die Frau ist, denkt Cynthia Norel. Wachtmeister mit besonderen Aufgaben steht auf der Visitenkarte. Reicht das eigentlich als Legitimation?

„Frau Norel, jemand hat die Bremsen am Unfallwagen manipuliert.

„Das habe ich in der Zeitung gelesen“, sagt Cynthia Norel und setzt sich.

„Wissen Sie, ob jemand Herrn Wyler gedroht hat, in letzter Zeit?“

„Nein, das weiss ich nicht. Woher auch?“

„Nun ja, als Herrn Wylers Arbeitgeberin...“

„Das heisst noch lange nicht, dass ich über sein Privatleben Bescheid weiss, gute Frau.“

„Nicht so per se“, sagt Ladina Taugwalder.

„Was meinen Sie?“, fragt Cynthia Norel irritiert über dieses Trauergehabe. Wyler ist nicht tot. Noch nicht.

„Na ja… Sagen Sie, fährt Herr Wyler nicht die gleiche Marke, wie Sie?“

„Gut recherchiert.“

„Und er hat am Vorabend seines Unfalles seinen Wagen auf Ihrem Parkplatz geparkt?“, unterbricht die Polizistin sie, „Direkt neben Ihrem Wagen?“ Cynthia Norel nickt wortlos.

„Ich möchte auch wissen, ob Ihnen jemand gedroht hat, Frau Norel.“

„Nein, es hat mir niemand gedroht“, sagt Cynthia Norel mit unbewegtem Gesicht. „Alles andere würde ich sofort der Polizei melden.“

Auch die Polizistin verzieht keine Miene und steht auf.

„Gut, Frau Norel. Dann möchte ich Sie einfach darum bitten, von jetzt an Ihren Wagen etwas genauer anzusehen, bevor Sie ihn benützen.“

Wie im Film, denkt Cynthia Norel.

„Falls Ihnen etwas auffällt“, sagt Wachtmeister Taugwalder melancholisch, „Ich möchte Sie das nächste Mal nicht im Leichenschauhaus besuchen.“

Ladina Taugwalder legt den Kopf schief und kneift das linke Auge etwas zu. Da ist wirklich nicht viel Platz zwischen der Stossstange ihres Fords und dem flaschengrünen Jaguar, der im Parkverbot dahinter steht. Der Gedanke, die uniformierten Kollegen zu rufen streift sie nur flüchtig. Sie beginnt, den Wagen Stück für Stück aus der Lücke zu manövrieren. Zentimeterweise vor und zurück. „Ich werde mal Rennfahrerin“, sagte sie immer als kleines Mädchen. Später hat sie Betriebsökonomie und Jus studiert. Hatte mit Spitzenresultaten die Polizeischule abgeschlossen. Die Stelle bei Mord- und Gewaltverbrechen ist eine Durchgangsstation. Bis der nächste Job in der Abteilung für Wirtschaftskriminalität frei ist, heisst es einfach, Disziplin und Leistung zeigen. Der Rest ist eine Frage der Zeit. Nach fünf Minuten Konzentration steht ihr Wagen im richtigen Winkel und sie rollt langsam auf die Strasse. Gewalt widert sie an. Diese jämmerlichen Gesichter von schwabbeligen Männern, die ihre Frauen schlagen, all die dümmlichen Teenager, die mit irgendeinem albernen Jagdmesser zustechen müssen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Wirtschaftskriminelle sind nicht grandioser. Aber für Ladina Taugwalder riechen sie nicht ganz so widerlich.

Die Fahrt von zurück zum Büro an der Kasernenstrasse dauert im Abendverkehr dreiundvierzig Minuten. In der Abteilung C, Gewaltverbrechen, arbeiten sieben Sachbearbeiter. Taugwalders Stellung liegt eine Lohnklasse höher als die von Karin Oberli, die Kollegin auf der anderen Seite des Schreibtisches. Ansonsten kein grosser Unterschied.

„Was ist die weibliche Form von Wachtmeister?“ hat letzthin ein Aspirant am Kaffeeautomaten gewitzelt.

„Chefin“, hat Oberli zurück gegeben, bevor Ladina Taugwalder etwas sagen konnte. Sie findet Feminismus peinlich und hat Oberli einen ärgerlichen Blick zugeworfen.

Chef ist Lenzlinger, Major, seit drei Monaten Abteilungsleiter. Ladina Taugwalder drückt die Espressotaste des neuen Kaffeeautomaten. Um 16.30 ist Tagessitzung. Noch eine Neuerung, die Lenzlinger eingeführt hat. Nebst offenen Bürotüren und grossen Grünpflanzen. Sie sieht, wie er hinter seinem Schreibtisch steht und Papiere für die Sitzung zusammen sucht. Schriftliche Verbesserungsvorschläge soll man an ihn richten. Jederzeit. Ladina Taugwalder weiss nicht, ob sie ihren neuen Chef richtig leiden kann. Lang, klapperdürr steht er vor versammelter Mannschaft und platzt fast vor Optimismus. Es wird über neue Fahndungsfortschritte berichtet, neue Fälle werden zugeteilt, dann setzt sich Lenzlinger und legt zwei Finger über sein Kinn.

„Taugwalder, erzählen Sie mir von den Bremsen.“

„Tja“, sagt Ladina Taugwalder, „also sie funktionierten nicht.“

Lenzlinger fragt sich, warum diese Frau immer klingt, als ob sie sich entschuldigen will. Spricht immer mit gesenktem Gesicht. Viel zu bescheiden. Schlecht für die Karriere. Er nickt ihr ermutigend zu.

„Sie werden weiter daran arbeiten, vielen Dank, Taugwalder. Halten Sie mich auf dem Laufenden.“

„Der Fahrer ist noch im Koma, aber ich bleibe am Umfeld dran.“

Lenzlinger hört nicht mehr auf zu nicken.

5. Juni 1996 Büro von Jeff Bushell, Bewährungshelfer, Franklin County, New York State

Er stöhnt nur leise, wenn er kommt. Dann hat er es immer sehr eilig, aus mir heraus und in seine Bundfaltenhosen hinein zu kommen. Er besteht immer darauf, sich ganz auszuziehen.

Immer sehr darauf bedacht, mir nicht weh zu tun. Küsst meine Schultern, während er darauf wartet, dass sich mein Körper an seinen Schwanz gewöhnt, streichelt meine Brust. Besonders die Narbe über dem Brustbein.

„Mein Gangsterjunge“, flüstert er immer.

Jeff ist mein Bewährungshelfer aus Sharado, Florida. Nach zwei Jahren Knast in Albany sitze ich eines Morgens im Bus nach Franklin, Staat New York. Mit fünfhundert Dollar und einem Diplom der Sozialarbeit in meiner Tasche. Eine Frist von acht Stunden, um mich bei der Polizei vor Ort anzumelden. Eine Wohnung wurde mir zugeteilt, den Schlüssel und die übrigen Papiere bekomme ich von Jeff. Der wurde mir auch zugeteilt. Als Stütze.

Ich fange als Praktikant an. Am Anfang vier Treffen pro Woche mit Jeff, nach vier Monaten nur noch zwei Mal die Woche. Mit dem Streicheln fing er schon in meiner zweiten Woche an.

„So ein frecher Junge wie du mag doch so was.“

Dauernd solche Sprüche. Locker vom Hocker. Aber immer durchscheinen lassen, dass es nichts wird mit der Stelle als Streetworker, wenn ich mich nicht ficken lasse.

Schlimmer als im Knast ist das auch nicht. Ich wünschte bloss, er würde nicht so unendlich viel schwätzen. Besonders nicht beim Bumsen. Aber im Grunde ist er kein schlechter Kerl. So ein Typ, der sich durch Sex verpflichtet fühlt. Er kann nicht anders, und das ist ihm peinlich. Meistens denke ich an gar nichts. Manchmal an Henry. Zwei mal die Woche, höchstens. In Jeffs Büro, hinter dem Metallschrank mit seinen Sportklamotten. Danach ein gutes Gespräch von Mann zu Mann. Worte geben ihm Sicherheit. Gut für ihn. Und gut für mich. Aber ich glaube nicht, dass ich je wieder einen hochkriegen werde, wenn mich jemand mit einem Floridaakzent anquatscht.


6

Schritt

Die Luft, die Armin von Planta entgegenschlägt ist feucht und warm wie in einem Treibhaus. Der Geruch von nassem Haar erinnert ihn immer an dieses Bordell in Oslo, was ihn peinlich berührt. Victor’s ist einer der exklusivsten Coiffeure in Bern.

„Ich warte auf meine Frau“, sagt er zu dem Mann am Empfang und erntet einen kritischen Blick auf sein Poloshirt. Eigentlich erstaunlich, dass man hier keine bessere Ventilation hat, denkt von Planta, und versinkt in einem der weissen Ledersessel. Delfine und Wale gleiten über vier Flachbildschirme auf seiner Augenhöhe, die Wände darum herum sind mit dunklem Holz verkleidet. Beruhigende Musik kämpft gegen das Geräusch von Haartrocknern und die Ahnung von horrenden Preisen an. Armin von Planta mag das Gefühl, etwas für sein Geld zu bekommen. Er kann Evelyns Gesicht in einem Spiegel sehen, der einen anderen Spiegel weiter weg im Laden reflektiert. Jung sieht sie aus für ihre 53 Jahre, mit ihren grossen blauen Augen und dem recht gut bewahrten Kirschmund. Eigentlich hätte sie die Blondierung überhaupt nicht nötig, denkt er. Im Gegenteil. Er findet, dieses plastikhafte Weizenblond lenkt erst recht die Aufmerksamkeit auf die wenigen Falten, die sie selektiv in ihrem Gesicht stehen lässt. Von Planta seufzt unwillkürlich. Er weiss nicht, ob er Evelyn je geliebt hat. Am Anfang hat er sie auf jeden Fall extrem attraktiv gefunden. Was er jetzt für sie fühlt? Eine Schwäche für ihr – Sex Appeal. Trotz allem. Er ist froh, dass ihm dieses Wort eingefallen ist, Sex Appeal. Ein gutes Wort, wenn es um die Ehefrau geht. Der Empfangs-Friseur schaut ihn dauernd von der Seite an. Evelyn zwinkert ihm via zwei Spiegelflächen zu, lacht, zeigt die frisch gebleichten Zähne. Von Planta sieht sich nach einer Zeitung um. Die Weltwoche abonniert man hier, die FAZ. Nicht schlecht, denkt er ironisch und hält sich schliesslich den Tages Anzeiger vors Gesicht. Er hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, bleibt bei den vermischten Meldungen hängen. Eine Meldung ist länger, mit Bild. Das Auto ist bis zur Mitte zerknittert wie ein Stück Papier. Auf der Hutablage liegt eine dieser wassergefüllten Glaskugeln zum Schütteln. Eine neonrosa Geisha-Figur steht im Schnee. Grotesk, dass ausgerechnet so ein überdimensionierter, grottenhässlicher Gegenstand so ein Unglück überlebt, denkt von Planta. Das Ding muss ausserdem ungewöhnlich gross sein, damit man es ohne weiteres auf diesem Foto erkennen kann. Im selben Augenblick wird ihm klar, wo er diesen Gegenstand schon einmal gesehen hat. Vor fast zwanzig Jahren. Zufall, bestimmt. Ein massenproduziertes Souvenir. Wahrscheinlich kauft jeder zweite Japantourist so ein Teil am Flughafen. Er blättert langsam weiter. Geht wieder zurück. „Serge W. (39) aus Schwammendingen hat wie durch ein Wunder überlebt“, steht unter dem Bild. Armin von Planta lässt die Zeitung sinken. Dies hier, denkt er, dies hier ist der totale Irrsinn. Erst diese Frau, die ungebeten aus den Achtzigern in sein Leben schleicht. Und jetzt auch noch dieser Clown. Von Planta erinnert sich nur zu gut an Serge W. Vor fünfzehn Jahren trug Serge W. klaustrophobisch enge Röhrenjeans und eine Jeansjacke mit abgeschnittenen Ärmeln. Er hätte besser in eine Rockerkneipe gepasst, als in die Wattenwyl Bar, aber er sass fast jeden Abend da. Die Stirn permanent hochgezogen in einem festgefrorenen Philosophenstaunen. Immer bereit, ein tiefgründiges Gespräch zu loszutreten. Am liebsten über fernöstliche Weisheiten. Irgendwann fing er an, Karate zu betreiben. Oder so was. Von Planta erinnert sich gut an das grosse Hallo, als Serge von seinem Trip nach Japan zurückkam. Er war mit dem Sportclub gereist. Solche Typen reisen immer im Verein. Als Souvenir brachte er eine Plastiktragtasche voller Schneekugeln mit neonfarbenen Geishas mit. Er verteilte die Dinger an seine besten Freunde in der Bar. Da waren wirklich welche, die sich ernsthaft über so was freuten. Und Bier ausgaben zum Dank. Von Planta war nicht unter den Auserwählten. Er sass auf der anderen Seite des Raumes, bei den Beobachtern, die sich über die Szene mokierten. Über diesen grossen Jungen, der von grosser Fernostexpedition zurückkam und Abfall verteilte, als wäre das Zeug direkt aus Ali Babas Schatzkiste. Von Planta sieht dieses Kindergesicht vor sich, strahlend vor Stolz und Wichtigtuerei über seine Berichte vom Besuch beim grossen Meister in der einen oder anderen Provinzstadt auf Hokkaido. Leider ist es ist gar nicht so lange her, dass von Planta dieses alternde Jungengesicht zum letzten Mal gesehen hat. Das war, als er Cynthia Norel in ihrer Wohnung am Bubenbergplatz besucht hat, um sich erpressen zu lassen. Serge W. arbeitet jetzt für sie. Womöglich als Karatelehrer. Von Planta muss unwillkürlich lachen. Karatelehrer für die belgische Schlampe. Das ist gut.

„Es ist ungewiss, ob der Lenker des Fahrzeuges überlebt. Die Polizei ist für Zeugenaussagen hinsichtlich des Unfallherganges dankbar. Experten der Polizei vermuten, dass dieser Unfall nicht unprovoziert war. Die Kriminalpolizei ermittelt im Umfeld des Unfallopfers“

Von Planta starrt vor sich in die Luft. In der Nähe von Serge W. heisst, in der Nähe von Cynthia Norel. Nicht gut. Ganz und gar nicht. Polizei ist immer Ärger. Erklärungen werden verlangt. Verbindungen hergestellt. Schlüsse gezogen. Nicht gut, wenn die Polizei im Leben dieser Schlampe herumschnüffelt. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich früher oder später da hinein gezogen -

„Aarmin, was träumst du denn schon wieder herum?“ Evelynes Stimme schneidet mühelos durch die Geräuschkulisse, „Ich bin so weit.“

Von Planta schaltet automatisch ein bezaubertes Lächeln ein.

„Das kann ich sehen, Evelyne.“ Er sucht nach einem passenden Kompliment, findet keines, sieht zu, wie Evelynes Begeisterung eine Nuance bitter wird.

Der Empfangs-Friseur nimmt gnädig von Plantas Kreditkarte entgegen. Die aufgefrischte Farbe und der neue Style kosten mehr als dreihundert Franken. Evelyne von Planta sendet ein wohl abgewogenes Lächeln hinter die Kasse:

„À bientôt, François“, und hakt sich bei ihrem Mann unter.

Ihre jugendliche Unbeschwertheit ist nur teilweise gespielt. Trotz ihrer Architektenausbildung und all den Jahren mit von Planta hat sie es geschafft, eine gewisse Sorglosigkeit zu bewahren. Sie spielt die Rolle der reichen Patronne perfekt, verwaltet erfolgreich ihre finanziellen Assets, lädt Berns Society zu Wohltätigkeitsdiners ein und ignoriert Armins kleine Geheimnisse. Es ist sinnvoll, bei dieser Lebensweise unterschätzt zu werden. Und sich die Option einer skandalösen Scheidung jeden Tag offen zu halten.

„Ich muss absolut etwas zu essen bekommen, Armin“, sagt sie, während sie bereits Richtung Restaurant Harlequin steuern.

Hummer St. Jacques für Evelyne, Kalbsnieren à la Romaine für Armin von Planta. Wie jeden Freitag. Von Planta stammt aus bescheidenen Verhältnissen und geniesst es, zu betonen, dass dies alles überhaupt keine Extravaganz darstellt. „Die Miete ist ja bezahlt“, lacht er öfter und spielt damit auf die Tatsache an, dass Evelyne das Haus und die Penthouse-Wohnung im Stadtzentrum als Hochzeitsgeschenk von ihren Eltern bekommen hat. Ihre gemeinsamen Freunde wissen seinen rustikalen Humor zu schätzen. Heute ist dieser allerdings etwas beschwert durch ein unangenehmes Drücken in der Magengegend. Als ob sich die Kalbsinnereien den Platz mit etwas anderem teilen müssten. Von Planta kennt dieses Gefühl von zwei früheren Gelegenheiten: als er sich zu einem akzeptablen Abschlussresultat bei der Maturaprüfung betrogen hat – und als er erfahren hat, dass es sehr wohl möglich ist, die Besucher einer bestimmten Website zu registrieren. Nun gehört er ja nicht mehr zu denen, die alleine dastehen im Leben. In seiner Welt gibt es immer jemanden, der weiterhilft. Oder jemanden kennt, der die Wogen glättet. Nur fällt ihm diesmal wirklich niemand ein, der ihm aus dem Schmutz helfen könnte. Nicht einmal Luigis traumhafter Cappuccino hilft seinem Gedächtnis auf die Sprünge. Es gibt keinen, der die Polizei von Cynthia Norel fernhalten könnte. Es gibt keinen, der diese Frau dazu bewegen könnte, den Mund zu halten, wenn es darauf ankommt.

„Nein, heute fahre ich“, schnauzt er Evelyne an, „Du hast fast eine halbe Flasche Weissen getrunken.“

Sie sieht ihn nur an, mit hochgezogenen Augenbrauen. Es fällt ihr nicht im Traum ein, eine Diskussion anzufangen über seine drei Gläser Rotwein, die zwei Grappas und den Sambucco. Sie kennt diese sporadischen Ausbrüche bereits.

„Bedingt durch die Hormonschwankungen eines mittelalternden Mannes“, sagt sie jeweils zu ihrer Freundin Renate.

Armin von Planta ist ein hektischer Fahrer. Er schneidet gerne Kurven und auf Radfahrer nimmt er nie Rücksicht. Politische Korrektheit muss ihre Grenzen haben, lacht er immer. Das Bild im Tages Anzeiger taucht wieder vor seinen Augen auf.

„Pass doch auf, Arschloch!“ brüllt er.

So lange dieses belgische Flittchen am Leben ist, bin ich nicht sicher. Sie muss weg. Niemand ausser ihm und dieser Frau weiss von der Erpressung. Von Planta tritt hart auf die Bremse. Eine Ampel ist auf Rot gesprungen, der Wagen steht bereits zur Hälfte auf dem Fussgängerstreifen. Evelyne lacht lauf auf. Mit einem hässlichen Knirschen schaltet von Planta in den Rückwärtsgang und setzt zurück.

„Dir wird ich schon helfen“, murmelt er dabei.

Bewusstsein

„Ihre inneren Verletzungen umfassen, u.a. vier gebrochene Rippen auf der linken Seite, davon hat eine die Lunge perforiert, mehrfacher Bruch des linken Schultergelenkes und zwei destabilisierte Halswirbel.“

Der Arzt liest mit unendlich monotoner Stimme aus der Akte zu Serge hinunter. Es ist der dritte Tag, nachdem Serge aufgewacht ist. Jedes Mal, wenn er versucht den Kopf zu bewegen, wird alles schwarz um ihn herum. Trotzdem versucht er, sein Bewusstsein über dem Medikamentennebel zu halten. Leute sprechen an ihn heran, das meiste dringt nicht durch. Aber er ist froh, Stimmen zu hören. Schlaf, Übelkeit, mehr Schlaf, Schmerzen ab und zu, Übelkeit. Nach einer Woche nimmt er zum ersten Mal seine Umgebung ohne Schleier vor den Augen wahr. Er ist gezwungen, gerade nach oben zu sehen, weil Hals und Nacken fixiert sind. Gesichter tauchen auf von links und rechts und verschwinden wieder. Ärzte sehen ihn an und sprechen gleichzeitig zu unsichtbaren Studenten hinter ihnen. Pfleger sprechen beruhigend und reiben hektisch seinen Körper mit Seifenwasser ab. Er ist froh, dass er seine Beine fühlen kann. Und wieder etwas klarer denken.

„Gut, dich zu sehen, alter Schwede.“

Ein vollkommen rundes Gesicht taucht auf, schwarzes Spagetthi-Haar darum herum. Tom Widmer ist Serges bester Freund. Er redet nie viel, sitzt meistens nur da und glotzt einem mit blauen Kulleraugen ins Gesicht. Als ob er als nächstes die Lottozahlen hören wollte. Er setzt sich vorsichtig auf die Bettkante und schaut Serge ins Gesicht. Er wirkt ein bisschen erschrocken. Serge Wyler so hilflos – das ist völlig verkehrt. Serge ist immer der Starke, einer der alles im Griff hat. Ein richtiger Vollblutkarateka. Und jetzt liegt er hier, weil er die Kontrolle über sein Auto verloren hat. Das alles ist doch zu albern, denkt Widmer. Hofft, dass man ihm das nicht ansieht, bleibt nicht länger als zehn Minuten. Aber nach zwei Wochen kommt er wieder. Einmal. Das ist mehr, als Serges anderen Freunde tun. Na ja, die meisten sehen Serge eher als Bekannten, nicht als Freund. Die Kameraden vom Karate-Club schicken einen grossen Blumenstrauss. Serge braucht noch Ruhe. Oder so hat man das am Telefon verstanden.

Serge versteht. Ihm wäre es auch unangenehm, jemanden besuchen zu müssen, der sich aus reiner Dummheit fast zu Tode gefahren hat. Einfach vergessen zu bremsen, oder? Mein Gott, wie kann das bloss zugegangen sein? Gedanken wandern im Kreis. Nach weiteren zwei Wochen kann er aufsitzen. Er beginnt zu hoffen, dass Cynthia Norel vorbei kommt. Er würde richtig gerne mit ihr sprechen. Es tauchen zwei Kriminalbeamte auf. Die Frau sieht aus wie Audrey Hepburn und vermeidet es, ihm ins Gesicht zu sehen.

„Die Bremsen Ihres Wagens wurden manipuliert“, sagt sie, und: „Was glauben Sie? Wer will Ihnen so etwas antun?“

Serge denkt lange, bevor er antwortet.

„Ich kann mir niemanden vorstellen.“

„Wir uns auch nicht“, sagt der Beamte sofort und handelt sich einen strafenden Blick der Frau ein.

„Wir nehmen an, dass dieser Anschlag jemand anderem gegolten hat“, sagt sie. „Sie fahren dieselbe Marke, wie Frau Norel?“

„Das wissen Sie doch selber“, sagt Serge barscher, als beabsichtigt.

Die Beamtin sieht schweigend auf das Kissen neben seinem Gesicht.

„Sie meinen, die wollen Cynthia umbringen?“

„Wen meinen Sie den mit „die“?“, fragt die Beamtin.

„Was? … ich weiss nicht… keine Ahnung… Sie sind doch die Polizei, oder?“ Serge macht eine Bewegung mit der Hand und der Schmerz schiesst von seinem Nacken hoch, trifft sein Hirn mit einem eisigen Stromschlag. Er schnappt nach Luft. Die Beamtin steht auf und tritt an sein Bett heran.

„Regen Sie sich nicht auf, bitte. Das ist das Letzte, was wir wollen.“

Der Kollege sieht sie an.

„Aber Sie müssen uns selbstverständlich alles erzählen, was Sie wissen. Wir werden auf jeden Fall wieder von uns hören lassen, ja? Dann können wir alles noch einmal in Ruhe durchgehen.“

Serge sieht verschwommen, wie sich die Tür hinter den beiden schliesst. Er ist allein im Zimmer. Ein Pfleger kommt, Serge bittet um ein Schmerzmittel, schläft ein, wacht erst am Nachmittag wieder auf. Ihm ist übel, er übergibt sich in eine Pappschale. Kurz darauf kommen Martin und Kunz vorbei, zwei Kameraden aus dem Aussie-Pub. Sie richten Grüsse aus von allen. Serge sieht die beiden an, als ob er sie noch nie im Leben gesehen hätte. Nachdem sie wieder weg sind, versucht er, sich zu erinnern, was sie gesagt haben. Es gelingt ihm nicht. Er liegt vollkommen still. Sein Körper fühlt sich leicht, schmerzlos  und fremd an. Er versucht zu denken. Moser kommt ihm in den Sinn. Heiner Moser. Wenn Cynthia stirbt, nützt das nur Heiner Moser. Die Blüten sind fast fertig, sagt er selber. Kann gut sein, dass er seine eigenen Leute hat, die ihm mit dem Vertrieb helfen. Kann gut sein, dass Cynthia Norel ihm jetzt im Weg ist. Serge konnte nie glauben, dass man Moser wirklich so problemlos erpressen kann, wie es aussieht. Oder dass er so alleine ist, wie er immer scheint. Und er hätte nie geglaubt, dass Cynth so blind ist und nicht sehen will, was da läuft. Aber vielleicht sind ihr ja jetzt die Augen aufgegangen. Sie muss doch sehen, dass man den Mann stoppen muss. Das ist doch kein Problem. Seine Gedanken beginnen sich zu drehen. Warum sollte es ein Problem sein, Moser aus dem Weg zu räumen? Die Blüten sind doch fertig so weit, oder? Jemand muss etwas tun. Aber wer? Ich muss mit Cynthia reden, denkt er schwammig. Mir vertraut sie. Sie kennt mich. Ich habe ihr geholfen. War da für sie. Seit Knaag nicht mehr lebt, bin ich da für sie. Ich muss unbedingt mit Ihr reden. Ich bin verantwortlich… Aber diese letzten Worte tauchen schon nicht mehr klar in seinem Hirn auf. Er sinkt in einen tiefen, vollkommen schwarzen Schlaf.

Drei mal die Woche Physiotherapie. Die Schwäche in den Beinen und die unkoordinierten Bewegungen treiben Serge fast zum Wahnsinn. Nervensignale, die zwischen Hirn und Körperteilen stecken bleiben. Konzentration, die sich nach ein paar Minuten in nichts auflöst. Nur der Schmerz in Nacken, Rücken, Beinen und allen möglichen Körperstellen zeigt an, dass da noch etwas existiert. Wenn er danach wieder still liegt, fangen die Gedanken an zu kreisen.

„Ist alles nicht so einfach, was?“, sagt ein Pfleger nach dem Mittagessen. Wienerschnitzel mit Salzkartoffeln und Broccoli. Hausgemachte Vanillecreme. Serge hat fast alles aufgegessen und sich dann erbrochen.

„Geht schon“, sagt er. Sein Hals brennt von der Magensäure.

Die Kameraden vom Karate-Club kommen jetzt regelmässig. Aber nicht Cynthia Norel. Vier Wochen ist er jetzt hier und sie ist immer noch nicht vorbei gekommen. Serge beginnt zu wünschen, dass wenigstens Moser auftaucht. Aber auch der bleibt weg. Logisch. Serges Gedanken sind wieder so klar, wie vor dem Unfall. Der wird sich hüten, sein Gesicht hier zu zeigen. Wozu auch? Wenn Moser Cynthia schon so eingewickelt hat, braucht er auch nicht zum Schein den guten Kollegen zu spielen.

„Cynthia hat keine Lust, ihren verkrüppelten Chauffeur zu sehen“, sagt er irgendwann zu Tom Widmer.

„Na na, jetzt mal kein Selbstmitleid hier, was? Die Frau hat auch noch anderes zu tun hier, was?“ Toms herzliche Ruppigkeit. Serge hat das noch nie verstanden. „Wenn du dich jetzt selber schon als Krüppel bezeichnest, kannst du dir gleich ein Kugel durch den Kopf jagen, was?“

„Eine Kugel?... Nun hör schon auf, Tom…“

Serges Stimme klingt ungewöhnlich scharf und Widmer hält den Mund. Serge beginnt zu denken. Denn seine Gedanken sind auf jeden Fall wieder klar. Aber sie haben die Gewohnheit angenommen, sich selbständig zu machen.

Eine Kugel durch den Kopf? Ja, warum eigentlich nicht. Durch Cynthias? … nein… ganz und gar nicht. Serge liebt sie doch. Moser. Dieser Gedanke kommt ganz leicht und einfach. Eine oder zwei Kugeln durch Mosers Kopf. Das reicht. Das könnte er zur Not auch selber… Sein zertrümmertes Schultergelenk fällt ihm ein und er bekommt Angst. Ob er seinen rechten Arm je wieder ordentlich bewegen wird, weiss niemand.

„Serge? Alles in Ordnung, alter Junge? " Tom Widmer schieb sein Gesicht näher an Wylers heran.

„Ist alles ein bisschen viel, was?“

„Was? Ja, natürlich – viel zu viel. Aber du kannst mir doch helfen, oder?“

Widmer zögert einen Moment

„Wyler, ich bin dein bester Freund.“

Die beiden Männer sehen sich an.

„Ich weiss. Und du hast immer noch diese Pistole in deiner Küchenschublade, oder?“

Nach zwei Monaten wünscht der Physiotherapeut Serge alles Gute und erklärt die Therapie für abgeschlossen. Er gibt ihm einen persönlichen Übungsplan mit nach hause und die Schmerzen werden erträglicher. Wyler beginnt langsam wieder mit dem Karatetraining, ein Kamerad hat ein spezielles Programm für ihn zusammengestellt, langsame, meditative Übungen. Serge beschliesst, sich an das Loch in der Erinnerung zu gewöhnen. Aber er geht abends nicht mehr so oft aus. Sieht oft Videofilme, alleine zuhause.

Sachbearbeiterin Taugwalder kommt bei Serge zuhause vorbei, um abklärende Fragen zu seinem Umfeld zu stellen. Es gab eine Zeit, wo Serge Polizist werden wollte. Daraus wurde nichts. Im Gegenteil. Wenn er aber diese schüchterne bleiche Frau an seinem Küchentisch sieht, bereut er das. Mit einer Mischung von Mitleid und Unverständnis hält er ihre Visitenkarte mit zwei Fingern. Wie kann so eine zerdrückte Person Wachtmeister werden. Wachtmeisterin, heisst das ja wohl!

„Wir glauben, der Täter könnte es noch einmal versuchen“, sagt sie.

„Klar“, sagt Serge, „wenn Sie nicht vorher rausfinden, wer das war.“

Ihr Lächeln wirkt wie eine schlechte Entschuldigung.

„Sie können mir bestimmt weiter helfen - “

„Das würde ich gerne, wenn ich könnte“, unterbricht Serge, „aber da müssen Sie schon woanders anfangen mit Ihren Ermittlungen.“

Das hat Ladina Taugwalder bereits, aber sie sagt nur:

„Was meinen Sie?“

„Ich meine, dass ich keine Feinde habe. Das Ganze ist eine Verwechslung. Ich fahre dieselbe Automarke, wie Frau Norel. Dort müssen Sie nachforschen, wissen Sie.“

Er erinnert Ladina Taugwalder an ihren grossen Bruder, was sie ein bisschen ärgert.

„In diesem Falle könnte Sie mir mehr von Frau Norel erzählen.“

Serge sieht sie an.

„Was wollen Sie wissen?“ Seine Stimme klingt gehässiger, als er beabsichtigt.

Du weisst doch schon alles, denkt er. Sitzt da, starrst einen an und tust, als ob du dümmer wärst als drei Meter Hecke.

„Wer sind die Leute in Frau Norels Umgangskreis? Ist da jemand, der ihr Geld schuldet? Das sind die Dinge, die mich interessieren.“

Serge Wyler sieht vor sich auf die Tischplatte. Auch wenn er wollte, könnte er diese Fragen nicht beantworten. Warum fragt sie nicht einfach Cynthia selbst? Was will die Kleine hier wirklich. Was will Cynthia wirklich? Und warum bin ich der einzige, der keine Ahnung hat, was hier läuft? Alle kochen ihr eigenes Süppchen und keiner sagt mir, was los ist. Er fühlt sich allein. Aber nur einen Augenblick lang. Dann reisst er sich zusammen.

„Ich glaube, diese Fragen sollten Sie Frau Norel stellen, nicht mir“, sagt Serge und steht auf, „Ich kann Ihnen wirklich nichts sagen.“

„Wie stehen Sie eigentlich zu Frau Norel?“, fragt Wachtmeister Taugwalder und bleibt ruhig sitzen.

„Ich bin Ihr Bodyguard, wie Sie wissen.“

Ladina Taugwalder bleibt einen Moment lang unbeweglich sitzen und steht dann auf.

„Ja, das weiss ich.“

Sie steht auf und geht an Wyler vorbei.

„Rufen Sie mich an, wenn Sie mehr zu erzählen haben, ja?“

„Das wird kaum der Fall sein“, sagt Serge und schliesst die Tür hinter ihr. Ganz im Gegenteil.

„Du musst wieder mal unter die Leute“, sagen seine Klubkameraden.

„Du hast Recht“, sagt Serge und geht mit ihnen in die Bodega. Oder ins Malatesta. Getrunken hat er auch vor dem Unfall nie viel. Jetzt ist ihm sogar der Geruch von Bier zuwider.

Alkohol ist also keine Entschuldigung, für das, was dann passiert. Aber von irgendwoher muss sie doch kommen, diese Aggressivität, die derart hoch kocht in Serge. Auch wenn er sie nur mit einem Blackout erklären kann. Und erklären muss er alles lückenlos.



8

Vertrauen


Wasser glitzert unter uns wie in einer billigen TV-Serie. Keine Schwäne, dafür regelmässige Bootsverbindungen gemäss Fahrplan. Wir sitzen in einem Strassencafé über der Limmat, nur fünf Minuten von meiner Wohnung. Die Sonne hat den Asphalt aufgewärmt, als ob es bereits Sommer wäre. Cynthia Norel sitzt mir gegenüber mit einem Bitter Lemon vor sich. Ich habe meinen Espresso bereits geleert und halte mich an meinem Wasserglas fest. Sie sieht an mir vorbei und schiebt ihre Sonnenbrille mit einem abwesenden Lächeln ins Haar hoch. Die Sonne lockt rote Reflexe aus ihrem Haar und lässt ihre hellen glatten Wangen leuchten. Sie sieht richtig gut aus für ihr Alter. Männer und Frauen sehen ihr im Vorbeigehen ins Gesicht. Manchmal gleiten die Blicke dann weiter zu mir hinüber. Romantisches Paar in der zweiten Lebenshälfte.

„Worüber lachen Sie, Herr Moser?“

„Ist Ihnen schon mal aufgefallen, was für ein schönes Paar wir abgeben würden?“

Sie sieht mich abschätzend an.

„Nein, daran habe ich nun wirklich noch nicht gedacht. Wie kommen Sie auf diese Idee?“ Als ob es eine gigantische Frechheit wäre, so etwas zu denken.

Die Dame des Hauses spricht zum Personal. Wie mich das alles anwidert.

„Ich stelle mir nur vor, was man sieht, wenn wir  hier in aller Öffentlichkeit zusammen rumsitzen. Das ist alles.“

Irritiert runzelt sie die Stirn.

„Wenn Sie keine Dummheiten machen, werden wir keine Probleme bekommen, meinen Sie nicht auch?“

Ich hole tief Luft, bevor ich antworte.

„Sicher“, sage ich, „Sicher. Aber das ist nicht, worüber Sie mit mir sprechen wollten, wenn ich Sie richtig verstanden habe am Telefon.“

„Nein“, sagt sie sofort, „Ganz und gar nicht. Ich will mit Ihnen über Serge Wyler sprechen, Herr Moser.“

Zuerst glaube ich, ich habe mich verhört.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich mehr über Ihren Schosshund weiss, als Sie?“

Sie zieht ihre Brauen hoch. Schaut mich sarkastisch an. Sagt lange nichts.

„Serge hat sich verändert“, meint sie endlich.

Ich atme tief durch.

„Das war wohl zu erwarten“, sage ich, „nach so einem Unfall?“, sage ich patzig.

Aber ich weiss, was sei meint. Der Junge ist nicht wieder zu erkennen. Kann schon sein, dass er sich seine Muskeln wieder antrainiert hat und seine gute Körperhaltung. Aber da ist diese Fahrigkeit in seinen Handbewegungen oder in der Art, wie er in den Rückspiegel sieht. Als ob immer jemand hinter ihm her wäre.

„Er spricht nicht mehr mit mir.“ Ich will sie unterbrechen, aber sie schüttelt den Kopf. „Er weiss so gut wie ich, dass dieser Spass nicht ihm gegolten hat. Aber er hat trotzdem Angst. Ich will wissen, wovor“

Sie schiebt ihre Sonnenbrille ins Gesicht.

„Ich will, dass Sie mit Wyler sprechen, Herr Moser. Finden Sie heraus, was los ist mit dem Mann. Und geben Sie mir Bescheid.“

„Ich glaube nicht, dass dies eine gute Idee ist –„

„Macht nichts, Herr Moser“, fährt sie mich an, „sehen Sie es als einen persönlichen Gefallen, den Sie mir tun.“

Sie steht auf, nickt dem Kellner freundlich zu und geht. Ich bleibe sitzen, wie bestellt und nicht abgeholt. Dann bezahle ich. Auch das. Wenn das keine Beförderung ist: vom Beinahe-Sträfling zum erpressten Geldfälscher zum persönlichen Assistenten von Frau Norel. Mein Kopf fängt an zu hämmern auf dem Weg zurück zum Keller.

17. Januar 1996 End of the Tunnel Center, Franklin, New York State

Der Job ist gut. Ich arbeite mit Teens, teilweise im Jugendzentrum, teilweise auf der Strasse. Wir bringen ein neues Programm in Gang, Selbstrespekt für Anfänger. Viel Enthusiasmus bei den Kollegen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich sarkastisch werde. Versuche, meine Zweifel nicht zu zeigen.

„Du bist das beste Beispiel dafür, dass es funktionieren kann, Waller!“

Manchmal sieht alles wie ein Witz aus. Aber ich halte den Mund. Auch das lernt man im Knast.

Ich verdiene auch Geld, es reicht für eine Zweizimmerwohnung mit Bad und Küche und einen gebrauchten Volkswagen. Veronika leiht mir ihren Pickup, um Kühlschrank und Sofa zu transportieren, Cooper besorgt mir einen antiken Esstisch. Ich habe gute Kollegen. Wir gehen im Team Kaffee trinken. Zum Bowling manchmal. Ich bin ein Teil vom ganzen.

„Die Kids respektieren dich, Waller.“

Scott sagt das, nachdem ich einem Sechzehnjährigen sein Stillet abgenommen und ihn dazu gebracht habe, sich hinzusetzen und mir zuzuhören.

Ich bin oft alleine zuhause. Ganz glücklich, wenn keiner was von mir will. Manchmal in eine Bar, einmal im Monat kann ich mir einen der Jungs leisten, die ihre Annoncen dort am schwarzen Brett hängen haben. An einem Abend spricht mich ein wieselartiges Männchen mit Texasakzent an.

„Von einem wie dir habe ich schon immer geträumt. Wie sind denn deine Preise?“

„Wie bitte?“

Ich muss laut lachen. „Teuer! Sehr teuer!“, sage ich dann.

Das sollte ein Witz sein, aber das Wieselchen lacht nicht.

„Gut“, sagt das Wieselchen, „lass uns reden.“

Ich verlange das Doppelte von dem, was die hübschen Jungs so wollen.

„Kein Problem“, sagt er nur. Lächelt mich gross an.

Es fühlt sich merkwürdig an, die ersten paar Mal. Aber alles ist Gewöhnungssache. Er lacht, als ich ihm erzähle, dass er mein einziger Kunde ist.

„Schlechtes Marketing! Ich kann dich sehr gerne weiter empfehlen.“

Ich lehne dankend ab.

Ich kaufe mir einen Fernseher. Fange an, Spanisch zu lernen, wegen der Kids. Mein Leben ist bequem geworden. Zu bequem, vielleicht.

Eines Abends massiere ich die Schultern des Texaners und schaue auf seinen Nacken. Schmal, fast glatt, wenig Flaum. Feine dunkle Härchen über heller Haut. Henry habe ich nie berührt. Aber wie oft habe ich ihn gesehen, über die beleuchtete Tischplatte gebeugt, bewegungslos, stundenlang. Sehr kurzes Haar, dunkelbraun. Über dieser weissen Haut. Ich sage dem Texaner, dass ich ihn nicht mehr treffen will.

Das schwarze Brett im Corona Club hängt neben der Toilette. Meine Annonce hängt unter denen der schönen Jungs und am ersten Wochenende rufen zwei Männer an. Der Sex fühlt sich nicht kälter an als im Knast, oder mit Jeff. Dafür verdiene ich gutes Geld. Fühle mich unwohl, wenn mich Kunden mehr als einmal buchen wollen. Ein Ehepaar will, dass ich zuschaue, zusammen mit einem der hübschen Jungs. Richtig gutes Geld. Und ich sehe zum ersten Mal eine Frau beim Sex. Der hübsche Junge sieht erleichtert aus, als er weggeschickt wird. Die Frau will in meinen Armen einschlafen. Nach einem Monat ruft sie an, weil sie mich wieder treffen will, ohne den Mann. Für eine ganze Nacht. Es ist ihr egal, dass ich nichts über Frauen weiss. Sie will keinen Sex, nur stundenlang gestreichelt werden. Führt meine Hand über ihren Körper, hier hin, da hin. Ich schaffe es, mein Hirn auszuschalten. Nur noch Haut, Hände, Wärme, Pfefferminzatem. Gutes Geld. Dann geht sie und ich lasse die Bilder von Henry an mir vorbei ziehen. Das hilft gegen das Traurigsein. Bis meinem Körper wieder einfällt, dass er Henry gar nicht kennt. Ich weine ab und zu. Lerne Spanisch wegen der Kids. Spare das meiste Geld.

Bodyguard

Serge Wyler sitzt auf dem Rücksitz des schwarzen BMW, eingekeilt zwischen zwei Männern, die je doppelt so gross sind wie er. Er versucht ruhig zu atmen. Und stellt sich vor, wie er Illias Rigbolt alles erklärt. Das mit dem Bodyguard, den er letzte Nacht erschlagen hat. Serge Wyler hat aus Versehen einen von Illias Rigbolts Wachhunden erschlagen.

„Mit blosser Hand“, geht es Serge albern durch den Kopf. Wenn man von dem Baseballschläger absieht, war es mit blosser Hand. Ecke Niederdorfstrasse/Strehlgasse, wo die Treppe zum Delfinbrunnen hinauf führt. Halb vier Uhr morgens, Dienstag. Serge auf dem Weg nach Hause, eine Bande Jugendlicher kam ihm entgegen. Und fanden die Gasse eindeutig zu schmal um ihn durchzulassen. Serge will umdrehen – zu spät, die meisten der Jungs haben sich bereits strategisch um ihn herum aufgestellt. Das kann auch einem erfahrenen Karateka passieren. Serge versucht, mit ihnen zu reden. Spricht einen von ihnen direkt an. Ruhige Stimme, langsame Bewegungen.

„Zeigst du mit dem Finger auf mich, Alter? Was willst du, Mann, was? Zeigst du auf mich?“ Der Junge klingt vollkommen hysterisch. „Rassist! Was? Du bist ein verdammter Rassist, Alter!“

Das ist das Stichwort, und die Jungs schlagen los. Nach den ersten Schlägen, die er abwehrt, versucht er wieder, mit den Kids zu reden.

„Jetzt hört schon auf mit diesem –„

Weiter kommt er nicht, weil einer der Jungs seinen Fuss in Serges Seite thaiboxt. Serge pariert. Und merkt gleichzeitig, wie ihm die Sicherung durchgeht. Versucht einen Sekundenbruchteil, sich zurück zu halten. Schlägt dann ungebremst zurück. Genau, effektiv, tausendmal geübt. Er bringt zwei von ihnen sofort zu Boden. Zwei rennen weg. Die anderen gehen zum gesammelten Angriff über, und rennen dann weg. Der Letzte ist ein bisschen älter. Und hält sich einiges besser. Der muss am oberen Treppenabsatz gewartet haben. Serge sieht ihn erst im letzten Augenblick. Zum Glück hält er noch den Baseballschläger in der Hand, den er einem der Jungs abgenommen hat. Er nützt den Schwung des anderen, braucht nur einen Schlag. Wollte der noch was sagen? Serge wischt seine Fingerabdrücke vom Holz und legt es neben den Bewusstlosen. Und geht nach Hause.

Der Mann links von Serge riecht nach Lakritz. Das hier ist nicht wie im Film, denkt Serge. Es ist nicht dunkel. Zehn nach zwölf, Donnerstagmittag. In keiner Hinsicht, wie im Film. Krampfhaft versucht er sich daran zu erinnern, was er über Illias Rigbolt weiss. Merkwürdiger Name. Irgendwas Östliches? Quatsch. Banker. Rigbolt ist Banker. Irgendwas mit Mafia? Unsinn. Medienpisse. Grosser Prozess, Kantonsgericht Zug. Illegale Waffenausfuhr. Panzerfäuste nach Niger. Oder was? Freispruch in allen Anklagepunkten.

„Alles Lüge, eine infame Kampagne gegen einen der besten Steuerzahler dieses Kantons“, wetterte der bleiche, dürre Mann in die Fernsehkameras.

Auch der Tod des einen Hauptzeugen konnte nicht mit Rigbolt in Verbindung gebracht werden. Selbstmord war das. Dass die andere Zeugin sich plötzlich nicht mehr äussern wollte kann man nun wirklich nicht auch noch Rigbolt in die Schuhe schieben.

Der Chauffeur steuert Richtung Stadtgrenze, Richtung Stäfa. Hält vor einem alt aussehenden Haus. Weisse Mauern, plätschernder Brunnen. Rote Geranien auf den Fenstersimsen. Serge zählt auf den ersten Blick vier Videokameras auf den Hof hinunter. Eine runde Freitreppe, Eingangstür aus poliertem Holz. Nicht wie im Film, denkt Serge. Eher wie ein grottenhässlicher Alptraum. Der hellblaue Teppich auf der Treppe nach oben. Knarrendes Parkett, eine Tür, die hinter Serge zufällt. Die Sonne scheint ihm durchs Fenster ins Gesicht und er denkt noch einmal „grottenhässlich“, als er den Mann bemerkt. Am Tisch in der dunklen Ecke. Der sitzt, sieht ihn an, ohne sich zu rühren. Ein Wust welliges blondes Haar. Langes Gesicht mit weichen Falten neben dem Mund. Schwimmende blaue Augen, farbloser Elchmund. Auf der anderen Seite des Zimmers sitzt noch einer. Schmale Figur, schwarzer Anzug, sonnengebräunt, gesenktes Kinn. Schaut an Serge vorbei, als ob er nicht bemerkt werden will. Kein Wachhund, denkt Serge.

„Guten Tag, Herr Rigbolt.“ Hört Serge sich zu dem Blonden sagen. Und: „Es ist gut, Sie zu treffen.“

Zum Teufel, denkt Serge. Zum Teufel, verdammt noch mal aber auch. Illias Rigbolt schweigt. Serge fühlt, wie sein Körper starr wird.

„Serge Wyler“, sagt Rigbolt unvermittelt nach einer Ewigkeit, und „Da bist du ja.“

Dann macht er den Mund wieder zu.

„Ja“, sagt Serge und merkt erleichtert, wie seine Reflexe wieder zum Leben erwachen. „Mir wurde gesagt, Sie wollten mich gerne in einer dringenden Angelegenheit sprechen.“ Das war etwas zu viel, denkt er im gleichen Moment. Egal. Denn es geht ein Ruck durch Rigbolts Gesicht. Ein zweiter. Langsam strecken sich die wässerigen Lippen zu einem zähen Lächeln. Er hebt eine lange weiche Hand zu einer eleganten Geste zu einem Stuhl hin.

„Bitte“ sagt er einfach.

Serges Knie beginnen erst zu zittern, als er bereits sitzt.

Auf dem Weg zurück ist Serge alleine auf dem Rücksitz. Alle Gedanken, die eine halbe Stunde lang stillgestanden haben jagen jetzt durch sein Gehirn. Er hat Rigbolt versprochen, ihn über die ganze Produktion der Geldscheine auf dem Laufenden zu halten. Weil er Angst hat, sonst nicht lebend aus diesem grauenvollen Haus heraus zu kommen. Natürlich werde er alles berichten. Er sei ja nicht dumm und wisse, wann es Zeit sei, Loyalitäten zu überdenken, seit Knaags Tod habe er hin und her überlegt, was er machen solle, sei aber nicht wirklich auf die richtigen Lösungen gekommen. Das war vermutlich viel zu viel. Rigbolt hatte sich mit einem sarkastischen Lächeln zurück gelehnt.

„Glauben Sie nicht, das hier sei ein Spiel, Wyler.“

Natürlich nicht, er sei ja nicht dumm, sagte Wyler. Das meinte er auch genau so.

Der Chauffeur hält exakt vor Serges Haustür. Serge geht die Treppe hoch, schliesst auf, hinter sich wieder zu. Dann geht er in sein Trainingszimmer und macht zweihundert Klimmzüge. Dann dreihundert Liegestützen. Nur so gelingt es ihm, wieder klar zu denken.

Es fällt ihm nicht im Traum ein, Rigbolt etwas zu erzählen. Jedenfalls nichts Wahres. Er ist loyal gegenüber Cynthia Norel. Er liebt Cynthia Norel. Wenn hier einer abgezockt wird, dann höchstens dieser widerliche Halbrusse, oder was auch immer. Cynthia Norel ist sowieso eine Nummer zu gross für dieses Land. Er weiss auch nicht, warum er das plötzlich denkt. Eine Nummer zu gross. Sie könnte locker Rigbolts Geschäfte übernehmen. Serge atmet tief ein. Das ist doch eine realistische Möglichkeit. Davor hat der Wicht doch eh am meisten Angst, was?

Kuss

In Zürich gibt es viele Brücken. Serge Wyler bemerkt sie eigentlich nur selten. Zum Beispiel dann, wenn er im Auto auf der Limmatbrücke hinter dem Bahnhof auf grünes Licht wartet. Zeit, sich umzusehen, hinunter auf den Fluss, die Anlegestelle für die Ausflugsboote. Sein Blick fällt auf die Wartenden dort unten. Eine kleine Gruppe, nur zwei Freuen, von denen sieht eine sofort bekannt aus.

„Cynthia?...“, lacht er. So ein Zufall. Er fährt die Scheibe herunter, will etwas rufen. Sieht ungläubig, wie ein Mann Cynthia Norel umarmt und küsst.

Der Wagen vor Serge gibt Gas.

„Das gibt's doch nicht…“

Cynthia Norel steht da. Serge sieht das Gesicht des Mannes nicht. Aber er weiss, wer das ist.

Hinter ihm hupt jemand, er muss weiterfahren.

Schon klar, dass die Chefin Liebhaber hat. Aber … das dort unten war ohne Zweifel Heiner Moser. So ein dämliches Baseballcap gibts in Zürich nicht zweimal. Das Gesicht hat Serge nicht gesehen, aber das ist nicht nötig. Er fährt geradeaus über die Kreuzung, die Feldstrasse hinauf, biegt ab in die abschüssige Seitenstrasse hinunter. Hält auf dem Patientenparkplatz eines Radiologen. Donnerstag, heute keine Sprechstunde. Er sitzt still. Eine halbe Minute lang passiert nichts. Dann greift er mit einem Ruck nach der grauen Plastikhülle im Handschuhfach und steigt aus. Vergisst, die Tür zu schliessen. Und läuft hinunter zur Böschung über dem Fluss. Die Strasse ist ruhig. Hier ist keiner zuhause am frühen Nachmittag. Niemand zu sehen am Ende der Strasse. Eine Trafostation ist in den Hang gebaut und Serge braucht nur über eine niedrige Betonmauer zu flanken, um auf das Dach des Gebäudes zu gelangen. Etwa fünf Meter unter ihm fliesst die Limmat. Er legt sich flach hin und ist von unten nicht mehr zu sehen. Es dauert nicht lange, bis das Ausflugsschiff angeglitten kommt. Gerade genug Zeit, um die Pistole zu entsichern und sich in Position zu bringen. Schwierig. Drei Sitzreihen, Moser in der Mitte des Bootes. Serge kann ihn durch das Glasdach genau erkennen. Aber auch nach all den Jahren Schiesstraining wird dies hier schwierig. Wyler hat nur einen Schuss. Es ist still in ihm. Sein Herz schlägt ruhig, als ob das bloss eine Übung wäre. Der Schuss klingt ganz anders als im Fernsehen. Das fällt Serge jedes Mal wieder auf. Und ob er getroffen hat, kann er nicht sagen. Das Glasdach über Moser und Cynthia Norel wird sofort milchweiss und undurchsichtig. Mit einer geschmeidigen Bewegung steht er auf. Hebt die Patronenhülse auf, steckt im Gehen die Pistole wieder in die Hülle. Aus der offenen Autotür klingt ihm Helmut Lotti entgegen.


9

Zorn

In der Schweiz operieren nur die wenigsten Kriminellen von ihren privaten Residenzen. Die meisten lukrativen Verbrechen werden in gut klimatisierten Büros in unseren Stadtzentren organisiert. Mit ordentlichen Geschäftsberichten, diskretem Supportpersonal und börsenkotierten Aktien. Unter dem wachsamen Auge von Nationalrat und Bankenkommission. Deshalb ist Illias Rigbolt eine Ausnahmeerscheinung. Er ist einer der wenigen, die ohne einen Verwaltungsrat im Rücken ein illegales Vermögen angehäuft haben. Sein offizieller Beruf ist Treuhänder. Zuverlässige Quellen sagen ausserdem, dass er seit gut dreissig Jahren in der Schweiz lebt, ursprünglich aus Litauen stammt, sein Geld unter anderem mit Waffen, Falschgeld und Drogenschmuggel verdient, verheiratet ist und grosse Stücke auf ein ansonsten intaktes Familienleben hält. Sämtliche Familienmitglieder (Herr und Frau Rigbolt, sein Bruder mit Gattin und eine hübsche, begabte Nichte, bis vor einem Jahr Frau Rigbolt Senior, die leider verstorben ist) strahlen uns aus der Januarausgabe von Heim & Familie entgegen. Eigene Kinder haben die Rigbolts nie gehabt, dafür engagiert er sich in der Schulpflege und Frau Rigbolt hat die Initiative Sag Nein Zu Ecstasy ins Leben gerufen. Niemand in Stäfa missgönnt diesen Leuten ihren Wohlstand.

Illias Rigbolt verbringt mindestens drei Monate im Jahr auf seinen beiden Yachten auf dem Boden- und dem Genfersee namens Plejade und Naxos. Dabei ist es nicht Prahlerei sondern Nostalgie, die ihn dazu bewegt hat, beträchtliche Summen in die Schiffe zu stecken. Für die Behauptung, die Yachten seien zu Drogenschmuggelfahrten eingesetzt wurden, ist ein Journalist zu einer Geldbusse von 180 Tagessätzen verurteilt worden.

Heute Nachmittag, an Bord der Naxos, spricht Rigbolt gerne von seiner stolzen baltischen Herkunft und von Seefahrtsleistungen dieser alten Ostseenationen. Nur die Zuhörer, die Rigbolt noch nicht ganz so gut kennen sprechen ihn bei solchen Gelegenheiten auf die sowjetische Besatzungszeit an. Alle anderen halten dann gespannt den Atem an, während der Patron seine Geduldsmiene aufsetzt und – wenn alles gut geht – weich lächelt. Er erklärt ausführlich und plausibel, dass ein halbes Jahrhundert Widerstand nur stärkend gewirkt habe, der Pioniergeist der Vorfahren niemals gebrochen war, die literarischen und künstlerischen Traditionen keineswegs verschwanden, dass man den Juden keine Rechenschaft schuldig sei, diese Verbrechen seien allein den Deutschen zuzuschreiben. Die Atmosphäre verdichtet sich, und keinem im Raum kommt es in den Sinn, die Diskussion zu vertiefen. Man merkt es Rigbolt nicht an, wie schwer es ihm gefallen ist, sich an die Rolle des Familienoberhauptes zu gewöhnen. Aber nachdem seine geliebte Frau Mutter letztes Jahr im Alter von 91 Jahren friedlich entschlafen war, blieb ihm nichts anderes übrig. Sie war eine starke Frau, die ihrem Sohn ein dichtes Netz von nützlichen Verbindungen in die Heimat hinterlassen hat. Geschäftsleute aus allen möglichen Branchen, von Pelz, Heroin, Erdöl zu Prostituierten und Maschinengewehren, fabrikneu und gebraucht. Diversifikation ist der Schlüssel zum Erfolg. Und ein ausgeprägter Sinn für Gastfreundschaft. Deswegen sind an diesem Sommernachmittag zwei Partner aus St. Petersburg samt Gattinnen mit an Bord der Naxos, nebst dem Rest der Familie.

„Sogar meine Nichte Marina gibt sich heute die Ehre“, kündigt Rigbolt stolz an, „Juristin in Ausbildung und ein seltener Gast an Bord!“

Die vier Gäste schütteln herzlich die Hand einer missmutigen jungen Frau in zerschlissenen Armani Jeans.

„Was für eine kleine Kratzbürste“, murmelt jemand auf Russisch, es wird diskret geschmunzelt. Die Nichte zieht sich unter Deck zurück, keine weiteren Turbulenzen.

Der Sommer steht gross und schwer über dem blauglatten Wasser, die Luft still und erwartungsvoll. In einer Stunde soll in See gestochen werden, Richtung Bregenz. Rigbolt hat Karten für die Festspielwochen buchen lassen. Doch dann läutet Illias Rigbolts Handy, er zieht sich in den Salon zurück. Und der Sturm bricht los. Wie der Zorn eines wendischen Rachegottes donnert Rigbolts Stimme den Nachmittag in Grund und Boden. Besatzung und Gäste stehen wie festgefroren, Schreck und Neugierde rieselt die Rücken rauf und runter. Was brüllt er da? Vollkommen wahnsinniges, kleine Drecksau? Einstampfen? Das stinkende Fell bei lebendigem Leibe über die schleimigen Ohren ziehen? Eier ins Hirn hoch treten. Eine Gattin aus St. Petersburg übersetzt.

Ausbrüche dieser Art sind nicht selten im Leben dieses bemerkenswerten Mannes. Aus diesem Grund ist auch sein persönlicher Vertrauter, Peter Müller meistens mit dabei. Als Banker ein Muster an Verständnis, Takt und Diskretion.

Vorsichtig klopft er an Rigbolts Kajütentüre.

„Illias? Ist alles in Ordnung?“

Rigbolt reisst die Tür auf starrt Müller mit weit aufgerissenen Augen an.

Müller schiebt seinen Chef und sich selbst sanft in die Kabine. Zieht leise die Türe hinter sich zu.

„Dieser Idiot! Dieser kleine widerliche, hirnlose Idiot! Ich fasse es nicht!“ Rigbolts tiefrote Gesichtsfarbe beginnt Müller ernsthafte Sorgen zu machen.

„Illias…“

„Wie in drei Teufels verdammten Namen kann man so dumm sein, Müller? Kannst du mir das mal erzählen, was? Du weisst doch sonst immer alles!“

„Illias, mein Freund, wovon sprichst du?“ Peter Müller ist ein Mann mit weit reichenden Ressourcen, auch auf psychologischer Ebene, und er schafft es, seine Stimme professionell und gleichzeitig weich und ruhig zu halten.

„Willst du mir nicht erzählen, was passiert ist?“

Rigbolt hebt seine geballten Fäuste vor das Gesicht, öffnet den Mund – und lässt sich dann doch auf das breite Sofa hinter sich fallen, wie ein nasser Sack Mehl.

„Wyler, dieser Volltrottel“, keucht er und sieht ohnmächtig zu Müller hoch. Müller setzt sich auf den Sessel gegenüber und wartet, bis Rigbolt genug Atem geholt hat.

“Wyler hat versucht, den Grafiker und Cynthia Norel zu erschiessen! Auf offener Strasse! Kannst du dir so etwas Hirnrissiges vorstellen?“

Zugegeben hat Müller seine Schwierigkeiten mit dieser Vorstellung. Aber die Contenance verliert er deswegen noch lange nicht.

„Das war nicht sehr klug von ihm“, sagt er leise.

„Was verspricht er sich denn davon? Merkwürdig. Hat er überhaupt jemanden getroffen?“

Rigbolt schüttelt den Kopf, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte.

„Nein, zum Glück für ihn.“ Er stellt sich mit dem Rücken vor die Tür.

„Du wirst mit ihm sprechen, Müller.“ Ich will wissen, was dieser Idiot will. Du wirst ihn auch fragen, wann die Scheine endlich fertig sind. Warum ich von nichts weiss.“

Müller atmet tief durch.

„Alles klar, Illias.“

Er packt seine Sachen zusammen und geht von Bord. Vom Kai aus wirft er einen kurzen Blick durch das Bullauge zu Rigbolts Kajüte. Frau Rigbolt ist bei ihm. Sie wirkt blass im Schatten neben ihrem Ehemann.


Nachrichten

Als Serge Wyler vor seinem Haus parkiert, ist er zwei Stunden lang ununterbrochen Auto gefahren. Er könnte nicht sagen, wo. Helmut Lotti hat sich zum x-ten Mal wiederholt. Serges Knie zittern nicht mehr, als er aussteigt. Bevor er seine Wohnungstür aufschliesst, horcht er hinter sich. Nichts. Natürlich nicht. Wer sollte da sein? Kein Grund, die Tür abzuschliessen. Er trinkt ein Glas Wasser. Dann noch eines. Er hat keine Ahnung, ob er Heiner Moser getroffen hat. Oder jemand anders. Ein drittes Glas Wasser. Seit zwei Stunden denkt er an nichts anderes. Anrufen. Moser hat jetzt ein Handy. Cynthia hat darauf bestanden, dass er sich eines zulegt. Serge hat Stunden damit verbracht, dem Mann zu erklären, wie das Teil funktioniert. Serge wählt die Nummer. Keine Antwort. Voicemail? Der Mann hat immer noch nicht begriffen … Scheisse, verdammte! Cynthia anrufen. Aber was soll er sagen? Nein. Keine gute Idee. Es läutet an der Tür. Serge zuckt zusammen. Rührt sich nicht. Ausser Stande, etwas zu denken. Es läutet wieder. Zwei mal noch. Er bewegt sich nicht. Warum eigentlich? Es vergeht Zeit. Von hier aus kann er Schritte vor der Wohnungstür nicht hören. Vorsichtig stellt er sich neben das Küchenfenster. Ein dunkler Mercedes fährt langsam weg.

„Schwarze Mercs gibt’s wie Sand am Meer“, sagt Serge laut.

Sein Handy läutet. Cynthia Norels Nummer auf dem Display.

„Komm zum Abendessen, Serge. Um sieben bei mir.“

Sie klingt wie immer. Auch nichts Ungewöhnliches an dieser Einladung. Ihre Art, Grosszügigkeit mit Autorität zu verbinden. Hat nichts weiter zu bedeuten. Serge schliesst die Augen und zählt bis zehn. Dann wählt er Tom Widmers Nummer.

„Du schuldest mir einen Gefallen, Tom“, sagt er, und: „Heute Nachmittag war ich mit dir zusammen, ist das klar? Wenn dich jemand fragt, war ich mit dir zusammen.“

Moser öffnet die Tür, als Serge an Cynthia Norels Türe läutet. Das Abendessen besteht aus kaltem Buffet, Hummer, Salate, Pâté. Cynthia, Moser, zwei russische Geschäftsleute in teuren Poloshirts. Niemand redet über die Schiesserei. Moser spricht russisch mit den Russen. Niemand fragt Serge, wo er heute Nachmittag war. Cynthia lacht diskret. Serge trinkt zu viel Rotwein. Um neun Uhr steht er auf, um zu gehen. Cynthia begleitet ihn zur Tür.

„Wir sehen uns morgen“, sagt sie leicht.

Er starrt ihr ins Gesicht. Man sieht ihr nichts von dem an, was heute passiert ist. Ich könnte ihr jetzt sagen, dass ich sie liebe. Aber dann wäre alles aus.

„Sicher“, sagt er.

„Fahr vorsichtig“, hört er Cynthia sagen.

Das ist alles.

„Sicher. Keine Sorge.“

Er fühlt sich schwindlig.

Man sollte ihr sagen, dass Moser ein hinterlistiges Schwein ist. Der sie ausnützen will. Wie Knaag. Serge reibt sich das Gesicht mit beiden Händen. Es gibt nicht viele, die wissen, wie es in Cynthia Norel aussieht, denkt er. Warum sie genau mit Moser zusammen arbeitet, hat sie ihm nie erzählt.

„Kann man diesem Typen trauen?“, hat Serge ganz am Anfang gefragt.

Sie hat gelacht.

„Das lass mal meine Sorge sein“, hat sie gesagt. Was soll man da sagen. Sie ist der Boss.

Aber ich bin ihr Bodyguard, denkt Serge. Ich werde dafür bezahlt, Ärger von ihr fernzuhalten. So einfach ist das.


Mann zu Mann

Peter Müller ist kein Menschenfreund. Er sieht Mitarbeiter in erster Linie als Menschenmaterial, das man nach genau definierten Effektivitätsprinzipien benützt. Und seine telefonische Anmeldung bei Serge ist genau das, wonach sie aussieht: eine Drohung. Müller ist nicht dämlich, Rigbolt ist nicht dämlich. Es war schon nach dem zweiten Treffen mit Wyler offensichtlich, dass der nur zum Schein mitspielt. Jetzt sitzt Müller bei ihm in der Küche und versucht den Geruch von abgestandener Suppe zu ignorieren. Wyler hantiert mit Wasserkocher und Stempelkanne.

„Sie und Herr Rigbolt  haben gemeinsame Interessen“, sagt Müller.

Er sieht in seinem hellblauen Leinenanzug und hellbeigen Sandalen hoffnungslos fehlplaziert aus.

Serge kann sein eigenes Rasierwasser riechen. Und ein wenig seine Nervosität. Na gut. Rigbolt weiss, dass Wyler geschossen hat. Die Frage ist, was Rigbolt jetzt machen will.

„Kaffee?“, fragt er mit unbewegter Miene.

„Bitteschön.“

Der Mann sieht aus, wie zweitklassiger Buchhalter, denkt Serge Wyler. Er stoppt diesen Gedanken sofort wieder. Es ist nicht gut, Müller zu unterschätzen, sagt er sich und giesst Wasser in die Stempelkanne.

„Ich bin auf Ihren Goodwill angewiesen, Herr Müller“, sagt er. Stellt Zucker und Milch zwischen sich und seinen Gast, „Wenn Sie kein gutes Wort für mich einlegen bei Rigbolt, könnte ich richtig Ärger bekommen.“

Peter Müller nickt langsam. Wartet darauf, dass Wyler weiter spricht. Der setzt sich aber nur und rührt in seiner Tasse. Giesst mehr Milch hinein.

„Warum wollten Sie den Grafiker umbringen, Herr Wyler?“

Müller hat sich lange überlegt, ob er diese Mutmassung jetzt platzieren soll.

„Das wollten Sie doch, oder? Sie zeigen sich als loyaler Mitarbeiter von Frau Norel und schaffen sich gleichzeitig einen Rivalen vom Hals.“

Es ist Serge Wyler zuwider, Rechenschaft ablegen zu müssen. Dieser kleine Fisch. Eigentlich eine Beleidigung, dass Rigbolt nicht selber hergekommen ist.

„Ist es nicht so, Herr Wyler?“

Serge macht eine lange Pause.

„Sind Sie deswegen hierher gekommen? Was geht Sie das an?“

„Machen Sie nicht alles noch komplizierter, Herr Wyler. Ich glaube nicht, dass Herr Rigbolt…“

„Ich glaube, Rigbolt sollte selber mit mir reden!“, fährt ihm Wyler über den Mund. „Wenn er Geschäfte machen will mit mir, muss er auch selber mit mir reden.“

Geschäfte machen? Du kleiner Angeber, denkt Müller. Er sieht Wyler nur an. Du fühlst dich mächtig obenauf und trotzdem hast du gewaltig Angst. Spielst den harten Jungen und hoffst, dass ich einfach wieder weg gehe.

„Herr Wyler, lassen Sie uns wie erwachsene Leute reden. Sie hatten Ihre Chance, mit Herrn Rigbolt zu sprechen. Ich bin nur hier um zu sehen, dass Sie sich an Ihre Abmachung halten.“

Serge Wyler fühlt sich völlig ausbalanciert. Es ist still in ihm und er ist stark.

„Unsere Abmachung ist, dass ich Rigbolt signalisiere, wenn die Scheine fertig sind. Die Scheine sind noch nicht fertig“, sagt er. Seltsam, dass seine Stimme trotzdem anders klingt als sonst.

„Die Scheine sind nicht fertig?“

„Nein.“

Peter Müller runzelt einen Augenblick die Stirn. Dann lacht er kurz auf.

„Sie sind ein schlechter Lügner, Herr Wyler.“

Die beiden starren sich an.

„Sie sind ein schlechter Lügner!“, wiederholt Müller mit ruhiger Stimme.

Stille ist mein Verbündeter, denkt Serge Wyler. Sitzt einfach und wartet. Müller rührt sich nicht. Sein Blick bleibt auf Wylers Gesicht.

Dann sagt Müller plötzlich: „Die Scheine sind fertig, nicht wahr?“

Wyler antwortet nicht. Das macht Müller nichts, denn er hat keine Frage gestellt. Wyler sieht ihm zu, wie er langsam aufsteht und denkt:

“Ich sollte den Mann nicht unterschätzen.“

„Überlegen Sie sich, was Sie tun wollen“, sagt Müller. „Das nächste Mal sitzen Sie vielleicht nicht mir gegenüber.“

Wyler nickt leicht.

„Das habe ich mir auch eben überlegt, wissen Sie.“ Er steht auch auf. Plötzlich sehr dicht vor Müller. „Sagen Sie Rigbolt, ich würde gerne mit ihm über das Geld reden.“

Müller zieht seine Brauen zusammen. Holt tief Luft.

„Spielen Sie hier nicht den Dorftrottel“, sagt er hart. „Herr Rigbolt wird nicht mehr mit Ihnen reden, das wissen Sie so gut wie ich. Aber wenn Sie versuchen, Ihn über den Tisch zu ziehen, werden Sie seine Methoden auf eine andere Weise kennen lernen.“

Müller macht einen Schritt um Serge herum, Richtung Tür.

„Ich rate Ihnen, den Grafiker in Ruhe zu lassen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde hält Serge den Atem an.

„Was meinen Sie?“ Er klingt so ruhig wie zuvor.

Müller ist schon an ihm vorbei und dreht sich nicht um.

„Hören Sie endlich auf, dumm zu spielen, Herr Wyler“, sagt er leise, „Sie sind auch ein schlechter Schauspieler. Rufen Sie Herrn Rigbolt an.“

Serge bleibt unbeweglich stehen, als Müller hinausgeht.


30. Juni 1996, Franklin, New York State

Es ist Sonntagnachmittag. Sechs Stunden Zeitverschiebung zwischen Miami und Zürich. Ich weiss, du stehst früh auf. Stehst du immer noch früh auf? Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Wer weiss, ob du immer noch so bist, wie damals. Bevor sie dich rausgeworfen haben.

Du bist wirklich dorthin zurückgegangen, wo du hergekommen bist. Ich konnte nicht fassen, wie leicht es war, dich aufzuspüren. Die Schweizer machen sich offensichtlich keine grossen Sorgen um ihre Kronzeugen. Denn das warst du ja. Kronzeuge. Gegen Pellazzo und allem was dazugehörte. Nicht viele, die das tun würden. An früher denken ist normal nicht meine Art. Aber lieber an das, als daran, was Pellazzo mit dir macht, wenn er rausfindet, wo du bist. Ihn einfach verpfeifen. Weiss nicht, ob das schon mal jemand gemacht hat. Mutig. Sicher. Aber als mir die FBI-Leute davon erzählt haben, sahst du für mich wie ein verdammter Feigling aus. Den Mann verpfeifen, der dir eine Chance gegeben hat in diesem Land. Mich hast du auch verpfiffen. Zusammen mit all den anderen. Hass auf dich? Eigentlich nicht. Ich hab dich einfach nicht verstanden. Das war alles. Ich wollte dir auch eine Chance geben. Du und ich. Du hast nie gesagt, dass du das willst. Nicht nötig. Klar warst du mit Frauen zusammen. Ja und. Wenn du nicht mein Lover sein willst, dann eben mein Daddy. Mir auch recht. Ich habe mir lange überlegt, wie ich dir das sagen soll. Mir deine Reaktion vorgestellt. Du hättest bestimmt gelacht. Mir kurz über den Nacken gestreichelt. Wie einem Dackel. Dein Kinn massiert und mich von unten angeschaut. Als ob ich vollkommen von Sinnen sei.

„Warum nicht?“, hättest du sagen können, „Einer muss ja nach dir sehen.“ Du hättest mich an dich ziehen können. Nur ganz kurz. Mir mit der flachen Hand auf den Rücken schlagen. Wie zwei Fussballer nach einem Tor.

Viel Zeit vergangen, bis ich dich begreifen konnte. Zehn Jahre Knast würde einer wie du nicht durchstehen. Das kann ich jetzt sagen. Es ist gut, dass du da nicht hingekommen bist. Stattdessen haben sie dich deportiert.

„Kein Sugardaddy mehr, Süsser! Du bist jetzt allein!“, brüllte der FBI-Agent mir ins Gesicht. Ich hab ihm vorgeschlagen, sich mal wieder richtig ficken zu lassen. Das hat mich zwei Backenzähne gekostet.

Sechs Stunden Zeitverschiebung. Ich warte noch eine halbe Stunde.

Meine Kundin fragte, warum ich so melancholische Augen habe. Ausgerechnet ihr habe ich alles erzählt. In dieser Nacht wollte sie zum ersten Mal Sex. Dann meldete sich lange nicht mehr. Kann sein, dass mir das ganz recht war. Fünf Wochen vergingen, dann rief sie mich wieder an. Sie könne mich nicht mehr treffen, sagte sie. Aber sie habe einen Namen und eine Stadt. In der Schweiz.

„Was für einen Namen?“

„Von deinem Freund.“

Es klickt und rasselt im Hörer.

„Warum rufst du mich von einer Telefonzelle an?“

„Ich muss vorsichtig sein. Ich bin Archivarin beim FBI, Mitchell.“



10

Anschlag


„Niemand will bemuttert werden, ohne zuerst gefragt zu werden“, sagt Serge.

Tom Widmer stellt den Bierkrug wieder hin. Er hat Serge noch nie so betrunken gesehen wie heute Abend.

„Willst du mehr hiervon oder nicht?“

Serge nickt wortlos. Seine Freunde haben sich schon daran gewöhnt, dass er seit dem Unfall viel weniger redet.

„Redet doch ihr mal was“, sagt er, wenn ihn jemand darauf anspricht, oder: „Mir hört ja doch keiner zu“, und zwinkert humoristisch. Die meisten respektieren diese neuen Besonderheiten. Bei so einem Schlag auf den Kopf… man kann froh sein, dass er überhaupt noch lebt. Und sich wieder mal eine kleine Ausschweifung gönnt.

Dabei sind es nicht seine Verletzungen, die Serge plagen. Es ist mehr der Gedanke an Cynthia Norel. Nach diesem seltsamen Gespräch mit Rigbolts Unterling ist Serge eines klar geworden: Cynthia muss aus erster Hand erfahren, dass Rigbolt etwas vor hat. Etwas, das bald passieren wird. Und Moser? Moser hat auch seine Finger im Spiel. Das ist ja wohl klar. Der, mit seinen treuherzigen Dackelaugen. Glaubt der vielleicht, Cynthia sei bescheuert? Denkt der wirklich, Cynthia habe ihr Hirn ausgeschaltet, nur weil sie ihn küsst. Vielleicht sogar mit ihm schläft. Serge nimmt einen grossen Schluck Bier, knallt das Glas auf den Tisch.

„Ich muss gehen“, sagt er, ohne Widmer anzusehen.

„Nach hause?“

Serge nickt kurz.

„Allerdings.“

Tom zieht die Augenbrauen hoch. Er kennt Serge. Nicht schwierig für ihn, zu sagen, wann Serge lügt. Er hat es aufgegeben, beleidigt zu sein. Leben und leben lassen, das ist sein Motto. Der wird schon sagen, wenn er Hilfe braucht. Widmer zieht die Schultern hoch.

„Kann man nichts machen“, meint er, „Schönen Abend noch.“

Serge ist bereits auf dem Weg nach draussen.

Ohne anzuhalten, wählt er Cynthias Nummer auf dem Handy.

„Ich muss mit dir sprechen.“

„Ja? Was ist denn los, Serge?“

„Das können wir nicht am Telefon besprechen, Cynthia.“

Pause.

„Kann ich bei dir vorbeikommen?“

Merkwürdiges Geräusch im Hintergrund.

„Ja. Komm vorbei, Serge. Dann können wir reden.“

„Ich muss alleine mit dir reden, Cynth.“

Pause.

„Komm einfach vorbei, ja?“

Sie legt den Hörer auf.

Druck


Es ist Dienstagnachmittag. 14.30Uhr. Die Scheine sind fertig.

All diese Nächte im Atelier. Die Tage in der Halle. Lärm. Probedrucke. Lärm. Mehr Probedrucke. Dann endlich. Das Papier wird geliefert. Drei Uhr nachts. Die Bogen gehen 64 mal durch die Maschine, bis das Resultat echt aussieht.

Der hintere Teil der Halle ist mit einer Stahlwand abgetrennt, eine Türe mit zwei Schlössern wird montiert. Da liegen jetzt die Scheine und keiner weiss das. Ich habe das Gefühl, in einem Film mitzuspielen, von dem ich das Drehbuch nicht kenne. Zwölf Monate, drei Wochen und acht Tage meines Lebens liegen aufgestapelt hinter zwei Schlössern. Und eine Nacht Sex als Lohn. Das Geflirte fing schon vor Monaten an. Motivationstaktik der Geschäftsleitung? Es gab mir das Gefühl, trotz allem die Kontrolle zu haben. So lachhaft, man mag es kaum glauben. Dann die Bootsfahrt auf der Limmat. Meine Idee.

Sie sagte: „Warum nicht, Darling.“

Am Kai hat sie mich geküsst und davon geredet, dass ich zehntausend Franken als Lohn bekommen sollte. Es hat sich warm angefühlt. Das war gut. Bis jemand das Glasdach unseres Bootes zerschoss. Ich wusste nicht, was passierte, konnte mich kaum rühren. Ich könnte schwören, Cynthia hat so etwas erwartet. Das Schiff drehte sofort bei und legte am nächsten privaten Steg an. Sie packte mich am Arm, zog mich aus dem Chaos heraus an Land. Weiter die Strasse herauf. Wählte mit ihrer freien Hand eine Nummer auf dem Handy. Wir blieben an der Kreuzung zweier Quartierstrassen stehen.

„Einen Wagen an die Hiltenerstrasse“, sagte sie in den Hörer. Ihre Stimme klang heiser.

Ein Taxi in ihre Wohnung. Mein Hirn fing langsam wieder an zu funktionieren.

„Wer war das?“

Sie runzelte die Stirn und schüttelte nur den Kopf.

In ihrer Wohnung pflückte sie Glasteile aus meinem Arm, legte einen Verband an. Gab mir ein frisches Hemd. Ich wollte nicht daran denken, wem das gehört hatte. Ich wollte überhaupt nicht denken.

Wir hatten Sex auf dem Schlafzimmerboden.

„Du schläfst im Gästezimmer“, sagte sie dann. Am nächsten Morgen wachte ich um sechs auf. Ich hätte sie wecken können. Kaffee machen und ihn ihr ans Bett bringen. Mit Toast und Marmelade. Ihre Handgelenke küssen. Ihre Arme. Oder ich hätte ihr die Kehle durchschneiden können.

Jetzt sitzen wir wieder in ihrem Wohnzimmer. Der Salontisch zwischen uns ist ein Würfel aus bläulichem Milchglas. Darauf die bunten Scheine: ein Fünfziger und ein Hunderter.

„Wenn die Blüten auffliegen, hängst du allein“, sagt sie mit einem charmanten Lachen.

„Das werden sie nicht, glaub mir das“, gebe ich zurück. „Ich bin kein Anfänger.“ Meine Stimme klingt viel zu wacklig.

„Du bist wieder ein freier Mann, Heiner Moser“, sagt sie ungerührt, „Ist dir das klar?“ „Stimmt“, knurre ich und denke an das splitternde Glass. „Aber nicht so frei wie du, glaube ich.“

Sie lacht. Ein unangenehmer Klang. Und ihre Augen bleiben völlig kalt.

„Fang ein neues Leben an, Heiner“, sagt sie. „Nimm das Geld und vergiss alles, was war.“

Vergeben und vergessen. Natürlich. Und jederzeit daran denken, dass irgendwo auf diesem Planeten eine Cynthia Norel ist, die mich in der Hand hat. Diese Frau vergisst nichts, das ist sicher. Ich habe das Gefühl, mein Leben hängt an einem Faden. Und am oberen Ende sitzt Cynthia Norel. Und fuchtelt mit einer Schere herum. Ich hasse dieses Gefühl. Ich hasse diese Frau.

Es läutet an der Türe. Ich höre Serge Wyler.

Sie kommen herein. Cynthia Sie deutet auf den Stuhl neben mir.

„Setz dich.“

Wyler spielt cool und bleibt stehen.

„Ein Bier?“

Er schüttelt den Kopf und starrt auf mich herunter. Cynthia lächelt uns beide an.

Ich bleibe sitzen, als ob nichts wäre. Ich hasse dieses Getue.

„Kann ich dich unter vier Augen sprechen?“

Sie zieht ihre Augenbrauen hoch. Gangsterchefin Deluxe.

„Serge, Junge, in unserer Firma gibt es keine Geheimnisse.“

Es vergehen einige Sekunden.

„Nein, nein…“

Der Junge stottert. Dass seine Selbstsicherheit immer ein bisschen aufgesetzt ist, war mir klar. Aber dass er hier steht und stottert ist seltsam.

Dann sagt er einfach: „Das war dumm von mir, sorry“, sagt er. Und geht hinaus.

Serge Wyler ging langsam die Treppe hinunter, durch die luftige Eingangshalle des Hauses, vorbei an zwei überdimensionierten Pflanzen. Die Wut blockiert sein Hirn wie eine dicke Dampfwolke, und er beginnt erst wieder zu denken, als er an seinem Küchentisch vor einer Tasse Kaffee sitzt. Er bleibt sehr lange sitzen, sieht auf die braune Flüssigkeit hinunter. Das Telefon läutet, er bewegt sich nicht einmal. Die Septembersonne scheint durch das Küchenfenster auf seinen Rücken, verschwindet wieder, es wird dunkel. Als die Strassenbeleuchtung eingeschaltet wird, hebt Serge langsam die rechte Hand und wischt die Tasse mit einer blitzschnellen, ausserordentlich kräftigen Bewegung vom Tisch. Das Porzellan zersplittert am Küchenschrank. Der Fleck an der Wand und der lange Bogen, den die Flüssigkeit gezeichnet hat sehen im Halbdunkel nicht wie Kaffee aus.

Es ist neun Jahre her, seit Serge Wyler wegen bewaffnetem Raubüberfall im Gefängnis gesessen hat. 27 Monate unbedingt. Er hatte keine grösseren Probleme mit der Gefängnishierarchie. Vielleicht, weil alle wussten, dass er für Knaag arbeitet. Zu der Zeit war das noch etwas, für Knaag zu arbeiten. Nach einem Jahr schuldeten ihm mehrere Kameraden grössere Geldsummen. Tom Widmer war einer davon. Er schaffte es nicht, seine Schulden vor Wylers Entlassung zurückzuzahlen.

„Kein Problem“, hat Wyler gesagt, „Wir bleiben in Kontakt.

Widmer wusste immer, dass irgendwann Zahltag sein würde.

Jetzt hört er, was Serge Wyler ihm am Telefon sagt.

„Du wirst Heiner Moser erschiessen, Tom.“

Serge Wyler wartet, bis Tom sich geräuspert hat.

„Was?“

„Hör zu, ich sage dir jetzt ganz genau, was du tun wirst.“

Wyler spricht langsam und deutlich. Er braucht nicht länger als fünf Minuten zu reden. Widmer braucht nicht mehr als „Ja“ und „Verstanden“ zu sagen.

Cynthia Norel spürt jeden Schuss bis in die Zehen. Der Kolben des Gewehres hinterlässt ein kühles Viereck auf ihrer Wange. Sie steht von der Matte auf. Nicht mehr ganz so geschmeidig wie früher, dafür sind ihre Schiessresultate besser. Sie legt Gehörschutz und Handschuhe in ihr Schliessfach. Es riecht nach alter Gummimatte und das Mädchen hinter der Theke nimmt ihr das Gewehr aus der Hand. Sie sieht aus wie eine Tochter von Nicolas Cage.

Knaag hat Cynthia Norel praktisch verboten, weiter als Revisorin zu arbeiten. Am Anfang versuchte sie, Tennis zu spielen und Bridge und in denselben teuren Geschäften Kleider einzukaufen, wie die anderen reichen Frauen in Gockhausen. Sie langweilte sich fast zu Tode und fing an, zu schiessen. Pistole und kleinkalibrige Gewehre. Knaag hatte nichts dagegen.

„So lange du das nicht an die grosse Glocke hängst.“

Von Anfang an hat sie dieses Gefühl geballter Energie genossen. Dasselbe Gefühl wie jetzt, beim Beschleunigen des Fiat Spiders. Kontrolle über Kraft und Geschwindigkeit. Und über die Konsequenzen.

Sie schwenkt in die Einfahrt zur Tiefgarage, rollt langsam die Rampe hinunter, das Tor gleitet zur Seite. Im Sommer kann man den Regen durch die Oberlichter hören, die Deckel der Mülleimer hinter dem Haus, oder die Kinder auf dem kleinen Spielplatz. In einem völlig ruhigen Moment hätte Cynthia Norel sogar das leise Metallklicken wahrgenommen, das beim Durchladen einer Pistole entsteht. Aber sie hört nichts, sieht nichts. Und was sie denkt, als die Mündung der Pistole plötzlich wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht schwebt, können wir nicht wissen. Vielleicht kommen ihr die nächsten zwei Sekunden wie eine Ewigkeit vor. Vielleicht fühlt sie etwas, als die Kugel ihren Kopf trifft und sie fällt und sich das Handgelenk bricht. Sicher ist, dass der Knall des Schusses unendlich viel lauter ist, als man sich das vom Tatort gewöhnt ist. Und die Stille danach grob und beleidigend. Cynthia Norel bleibt rücklings liegen. In dem Vakuum, das ihr ausgelöschtes Leben zurücklässt.

Der Blutspritzer an Armin von Plantas Hand, riecht nach Eisen. Ein merkwürdig angenehmer Geruch, findet er. Die Pistole steckt er in die Innentasche seines Mantels. Es begegnet ihm niemand auf dem Weg nach draussen. Sein Wagen steht zweihundert Meter vom Haus entfernt. Schwerfällig schiebt er sich auf den Fahrersitz. Dreht hektisch den Schlüssel, wieder und wieder. Nach einer Ewigkeit springt der Motor an. Zum Glück kann er einfach geradeaus losfahren. Er lässt sich mit dem Nachmittagsverkehr in die Stadt spülen, zum Bahnhof Enge, den Hügel hinauf, dort besitzt er eine Zweitwohnung im dritten Stock. Es gibt einen Lift direkt beim Hintereingang, um diese Tageszeit sind alle bei der Arbeit. Aufschliessen, Kleider ausziehen, alles in zwei Abfallsäcke stopfen, Unterwäsche, Schuhe, Strümpfe, alles. Heute wird spätestens um 15.30 Uhr der Abfallcontainer geleert. Er hat eine Stunde Zeit. Armin von Planta duscht lange, sehr warm, viel Duschgel. Frische Wäsche, Hemd und ein dunkelgrauer Kammgarnanzug aus dem Schrank. Schwarze Halbschuhe mit Oxfordmuster. Alles schon einige Male getragen. Die Flasche Cognac bereits angebrochen. Er schenkt sich nur sehr wenig in ein Wasserglas. Füllt es mit Leitungswasser auf. Leert es in einem Zug. Er nimmt die beiden Abfallsäcke, schliesst die Tür sorgfältig hinter sich ab. Der Container steht direkt neben dem Parkplatz. Armin von Planta steigt in den Wagen, sitzt einen Moment lang still. Der Knall des Schusses hat ein ekelhaftes Sirren zwischen seinen Ohren hinterlassen. Diesmal springt der Wagen sofort an.

„Ich muss tanken“, sagt er halblaut. Eine Ampel springt auf Grün.

Tom Widmer hat noch nie jemanden umgebracht, obwohl einige Male nicht viel gefehlt hätte. Jemanden von hinten zu erschiessen kann nicht schwer sein, findet er. Er sitzt in seinem Opel Astra schräg gegenüber von Cynthia Norels Haus. Tom verbringt einige Zeit damit, sie zu beobachten. Der Grafiker ist nur manchmal hier. Die Frau dagegen ist ein Gewohnheitstier. Irgendwann wird er schon auftauchen. Von seinem Posten aus hat Widmer das Tor zur Tiefgarage und den Eingang mit der Glasfront im Blickfeld. Kurz nach halb zehn kommt sie jeweils von ihrem Schiesstraining zurück. Pünktlich, wie die Nachrichten im Fernsehen. Auch heute kommt sie um 9.29 Uhr in ihrem cremefarbenen Sportwagen angefahren. Verschwindet in der Tiefgarage. Es dauert etwas, dann sieht taucht sie drinnen im Eingang auf, sie nimmt immer die Treppe nach oben, nie den Aufzug. Der Grafiker ist nirgends zu sehen. Mehr um sich die Beine zu vertreten steigt Widmer aus und überquert die Strasse. Haus- und Wohnungsschlüssel hat er von Serge bekommen.

Gerade will er am Haus vorbei gehen, als er den Schuss hört.

Widmer duckt sich hinter ein parkiertes Auto. Kein Laut. Dann wird die Haustüre aufgestossen. Ein Mann, kurze hastige Schritte an Widmer vorbei. Jeans, blauweisse Turnschuhe. Eine Wolke aus Rasierwasser und Nervosität bleibt hängen. Die Haustüre klappt diskret. Dann Stille. Widmer atmet mit offenem Mund durch. Wartet darauf, dass die Nachbarn nachsehen. Dass der Hausmeister kommt. Die Polizei. Nichts passiert. Er schliesst die Haustüre auf, durchquert langsam die Halle. Stille. Er geht weiter nach oben, einen Absatz, dann sieht er sie durch die Geländerstäbe über sich. Die Frau liegt auf dem Rücken, den Kopf nach unten. Sie sollte nicht so liegen, denkt Widmer. Niemand hält den Kopf so schief beim liegen. Oder die Arme so verdreht unter dem Rücken. Und die Wand sollte weiss sein und nicht… Widmer stolpert die Treppe hinunter, donnert gegen die Haustür, hört einen Moment lang hinter sich. Nichts. Er schafft es, nicht zum Auto zurück zu rennen. Er übergibt sich in die Hecke neben dem Wagen. Im Handschuhfach liegt eine Dose Bier. Es dauert, bis er sie geöffnet hat. Leert sich etwas vom Inhalt in den Hals. Ist etwas überrascht, dass die Flüssigkeit unten bleibt. Es dauert auch etwas, bis er sein Handy gefunden hat.

„Deine Chefin ist tot, Wyler.“


Zwischenfall


Telefon. Seltsame Geräusche. Jemand hat meine Nummer gewählt und wischt jetzt den Hörer am Ärmel ab. Dann Serge Wylers Stimme. Keine Sätze, nur Worte, stotternd, aggressiv, fassungslos.

„Serge? Was ist los mit dir?...“

Er fängt an zu schreien. Ich halte den Hörer ein paar Zentimeter von meinem Ohr weg und versuche etwas zu sagen. Nutzlos. Er ruft etwas von „Cynthia tot“ und „abgeknallt“.

„Schwein… du verdammtes … Schwein!“ – mehr Zusammenhang ist da nicht. Dann hängt er mich ab. Ich sitze eine Weile mit dem tutenden Hörer in der Hand. Erst langsam fängt es wieder an zu denken. Langsam. Cynthia Norel ist tot. So viel habe ich verstanden. Weg. Nicht mehr am Leben. Abgeknallt. Was immer er auch sagen wollte. Wer sollte Cynthia Norel abkn… ermorden?

Es vergeht mehr Zeit. Dann beginnt es zu weinen.

Warum weiss ich nicht so genau. Glück gehabt.

Wieder mal Glück gehabt, denke ich. Ein Papiertaschentuch in der Küche. Das Schluchzen hört nicht auf. Flasche Gin, ein Glas. Etwas Wärme im Bauch. Und im Hirn. Vielleicht hätte ich das selber machen sollen. Sie abknallen. Mehr Schnaps. Viel mehr.


Communiqué auf der Website der Kantonspolizei Zürich

vom 3. November 2004


Zeugenaufruf

Gestern Nachmittag, 14.35Uhr wurde per Polizeinotruf 117 ein Zwischenfall an der Niederdorfstrasse 57 gemeldet. Zwei männliche Personen waren in ein Handgemenge verwickelt, in dessen Verlauf eine der beiden Personen eine Treppe hinunter stürzte und sich tödliche Verletzungen zuzog. Der genaue Tathergang wird derzeit untersucht. Die Polizei bittet eventuelle Zeugen, sich unter folgender Nummer zu melden: 01/264 49 49 49.

Zeugenaussage, 4. November 2004


Zeuge:                                                      Moser, Heiner

Einvernehmer:                                        Wtm. Taugwalder, L.

Protokollführer:                                        Gfr. Rosenstock, X.

Einvernahmebeginn:                                08.00 Uhr

Einvernahmeschluss:                               09.18 Uhr

***

Der Zeuge Moser schildert den Verlauf folgendermassen:

Gestern kurz nach Mittag hat es an der Tür geläutet. Ich weiss nicht, wie spät es genau war. Ich war besoffen. Ich drückte den Türöffner und Serge Wyler kam die Treppe herauf. Dann… alles ging so schnell. Er brüllte herum. Den ganzen Weg nach oben… ich wohne im dritten Stock. Ich sei ein Schwein, ich hätte Cynthia Norel umgebracht. Jetzt sei ich an der Reihe… Er blieb auf der Treppe stehen. Der Absatz vor meiner Wohnung ist schmal. Ich stand immer noch in der Türe. Wir sahen uns an. Eine Sekunde lang müssen wir uns angesehen haben. Habe ich etwas gesagt zu ihm? Weiss nicht. Vielleicht habe ich etwas… ich kann mich nicht erinnern. Nicht daran. Ein dreckiger Aasgeier sei ich. Er hat immer weiter gebrüllt. Dann weiss ich nicht mehr. Ich hatte Angst. Wissen Sie? Er kam ja näher, dann. Die letzten Stufen hinauf. Habe ich mich bedroht gefühlt? Sicher. Er wollte mich ja… jetzt sei ich dran, hat er ja die ganze Zeit gebrüllt. Ich weiss nicht, wie ich zu der Vase gekommen bin. Iranisch. Steht im Regal im Gang. Gleich neben der Tür. Serge war noch nicht ganz oben. Ich muss ihn an der Schläfe getroffen haben. Da wo er den Schädelbruch hatte. Er fiel aber nicht um. Ich musste weiter schlagen. Immer weiter.

***

Die Einvernahme wird unterbrochen von 08.54 bis 09.03.

***

Ich weiss nicht, wie viele Male ich zugeschlagen habe. Er war ja nicht ganz oben. Er fiel. Nicht ganz hinunter. Rückwärts. Über die Stufen hinunter. Er blieb mitten auf der Treppe liegen. Er hat den schwarzen Gürtel, wissen Sie. Karate. Ich hatte Angst. Deswegen habe ich zugeschlagen. Und dann lag er mitten auf der Treppe. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich habe die Ambulanz gerufen…

***

Die leitende Sachbearbeiterin verfasst nach zwei Wochen den Abschlussrapport in dieser Sache. Hierin wird abschliessend folgendes festgehalten:

Die Aussage von Herrn Moser wird von zwei weiteren Zeugen bestätigt. Abweichungen können ohne weiteres dem alkoholisierten Zustand des Zeugens zur Zeit des Ereignisses zugeschrieben werden.

Gez. Taugwalder, L., Wachtmeister

***

Der Rapport ist ausschlaggebend, dass die Staatsanwaltschaft den Bestand der Notwehr anerkennt. Der Fall wird am 23. November 2004 abgeschlossen.


Weiter


Nach dem Verhör bei der Polizei geht es mir merkwürdigerweise besser. Ich will mich nicht betrinken. Ich will mich nicht umbringen. Einfach nur weiter gehen. Weg von hier. Zuerst zur Lagerhalle in Affoltern, wo die Blüten sind. Jetzt weiss nur noch ich von dem Raum, nur ich habe den Schlüssel. Ich habe mich immer gewundert, warum sie auf diese Bedingung eingegangen ist. Fünfzehn grosse Plastikbehälter. Sie hat mir vertraut. Trotz allem. Mein Magen zieht sich wieder zusammen und ich übergebe mich noch einmal. Dann mache ich sauber, gehe in die Küche. Ein Glas lauwarmes Wasser. Ich wähle eine Telefonnummer.

Es läutet einmal.

„Müller und Partner“, sagt eine Frauenstimme.

„Herrn Dr. Müller, bitte.“

Ich werde durchgestellt.

„Müller, sagen Sie Ihrem Chef, ich hätte etwas zu verkaufen“, sage ich. Meine Stimme klingt wackelig.

„Ich verstehe nicht…“

„Cynthia Norel ist tot“, unterbreche ich ihn. „Geben Sie Rigbolt Bescheid, Herr Müller.“

Nach zehn Sekunden sagt er:

„In Ordnung, Herr Moser. Wir werden Sie zurückrufen.“


1. Juli, Franklin, New York State


Deine Nummer such ich einfach im Netz. Elektronische Datenrecherche war Teil meines Studiums. War nicht besonders schwierig: es gibt nur einen Mann in Zürich mit deinem neuen Namen. Die Schweizer machen offenbar keine grossen Umstände, wenn es um ihre Kronzeugen geht.

00411206341859.

Ein lang gestreckter Summton. Wieder. Wieder. Klicken. Eine raue Stimme sagt etwas Unverständliches.

„Ich möchte gerne mit Henry Moser sprechen“, sage ich. Pause „Mein Name ist Mitchell Waller.“

Nichts.

Mit wem wohnst du zusammen? Versteht er Englisch? Klicken. Besetztzeichen. Tot. Was soll das? Ich lege auf. Meine Hände sind nass. Falsche Nummer. Ich habe bestimmt die falsche Nummer gewählt. Oder vielleicht ist dein Cover besser, als es auf den ersten Blick aussieht. Aber ich versuche es wieder. Morgen. Ich brauche dich.


21. Juli 1996, Franklin, New York State


„Henry? Ich bin’s, Mitch Waller!“ Stille. „Bitte Henry! Leg nicht auf…“

Stille. Ich umklammere den Hörer mit beiden Händen.

„Henry? Ich habe dich gesucht“

„Mitch… Wie hast du mich… Du lebst?“

Deine Stimme hört sich rau an. Als ob du eben aufgestanden wärst.

„Henry… willst du mit mir sprechen? Ich habe so lange… ich meine, es war nicht leicht, dich zu finden, weisst du.“

Pause. Ich weiss nicht, was ich sagen soll in dein Schweigen. Einfach nur hoffen, dass du nicht auflegst. Mit mir sprechen willst. Bitte.


Nacht


Um 03.30 Uhr läutet das Telefon in Illias Rigbolts Haus. Er schlurft zum Telfontischchen auf dem Flur, knipst das Licht der kleinen Lampe an, nimmt ab. Grunzt seinen Namen. Horcht einen Augenblick. Und wird weiss im Gesicht.

„Du Marina? Was?... Marina!. Hallo?“ Wer…? Was wollen Sie?“ Er hat die Stimme am anderen Ende noch nie gehört. Ein Mann. Englischer Akzent. Rigbolt presst den Hörer an sein Ohr.

Als er den Hörer wieder auflegt atmet er schwer. Er legt sich zurück ins Bett. Und schläft nicht wieder ein.

Beim Frühstück sieht er aus, wie ein Gespenst.

„Marina ist entführt worden“, sagt er zu seiner Frau. „Von Amerikanern.“

„Was wollen diese Leute?“, fragt sie gefasst.

Er sagt es ihr nicht. Frau Rigbolt bittet ihn zum ersten Mal, zuhause zu bleiben.

„Sei nicht albern, meine Liebe“, sagt er zerstreut, „Du weißt doch, dass die Belgierin heute begraben wird.“

Frau Rigbolt hat sich wieder unter Kontrolle.

„Ich habe diesen Termin um zwölf Uhr, wie du weißt, meine Liebe.

„Ach ja richtig, die Beerdigung. Belgierin… Was für eine merkwürdige Verpflichtung, Illias.“

„Meine Liebe, du weißt doch, dass Beerdigungen für die Lebenden sind, nicht für die Toten.“

Frau Rigbolt reicht ihm den Toast. Ihre Haltung erinnert ihn immer ein wenig an seine Mutter. Dieser Gedanke tut gut.

„Die Entführer werden sich wieder melden. Aber auf meinem Handy… Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, meine Liebe.“

„Illias – hat dies etwas mit diesen Geldscheinen zu tun?...“

Er wird abweisend. Frauen und Geschäfte!

„Ich bitte dich, meine Liebe -“, und damit war die Diskussion beendet.


Grab


Neunundzwanzig Minuten bevor der Gottesdienst anfängt, steige ich aus dem Taxi. Die Kirche ist bereits voller Menschen. Der Mittelgang ist mit Blumen ausgelegt, bis hin zum Sarg. Ich steige über Sträusse und Kränze. Zwischen zwei Männern mit grauem Stoppelhaar ist ein Streifen Holz frei. Die Leute in meiner Nähe sind wie erfolgreiche Menschen angezogen. Cynthias Sarg ist glänzend weiss lackiert. Ich weiss nicht einmal, wer dies hier alles hier organisiert hat. Oder wer zu ihren Freunden gehört. Zu ihren Geschäftspartnern. Ich habe Cynthia immer nur alleine gesehen. Fast alleine. Ich weiss nicht, wem von diesen Leuten sie vertraut hat. Im Fernsehen ist der Mörder immer an der Beerdigung. Ich muss mir das Lachen verkneifen.

Der Pfarrer ist eine Frau. Ein Lied wird gesungen. Alle stehen auf und setzen sich wieder. Die Pfarrerin steht hinter dem Sarg und redet. Noch ein Lied, noch einmal aufstehen, noch einmal zuhören. Ein junger Mann singt ein Poplied. Er begleitet sich selber auf einer Gitarre. Die Leute neben mir wischen sich Tränen aus dem Gesicht. Von dem Männerrücken vor mir breitet sich eine Wolke Rasierwasser aus. Es riecht nach ungewaschenem Jungenkörper. Mir ist schlecht. Der Sänger ist mit dem Lied fertig. Vier Menschen tragen den Sarg Richtung Ausgang. Unter ihnen eine hochgewachsene junge Frau mit einem dunklen Zopf, der ihr über den Rücken hängt. Sie duckt sich leicht, damit sie zu den anderen Trägern passt. Sie verschwinden mit ihrer kitschigen Last durch die Tür. Die Kirche leert sich langsam. Die Pfarrerin steht plötzlich neben mir.

„Wer ist die Frau, die den Sarg getragen hat?“, höre ich mich fragen.

„Die Tochter der Verstorbenen“, sagt die Pfarrern und sieht mich von unten an. Mit einer Mischung aus Vorwurf und Mitleid um den Mund. Ihre weichen vollen Lippen widern mich an. Sie legt ihre Hand auf meinen Arm.

„Die Brüder und die Tochter der Verstorbenen haben den Sarg getragen.“

Ich gehe weg. Die Stelle auf meinem Arm, wo ihre Hand gelegen hat ist sehr warm.

Der Schmerz im Kopf weitet sich aus. Die drei Tabletten, die ich zuhause gegessen habe, wirken schon nicht mehr. Der Rest der Welt zieht sich zusammen um einen Punkt, der sehr weit weg ist von mir. Nichts ist mehr in meiner Nähe. Alles ist weiss und leer. Ich gehe entlang einer unendlichen Reihe von Eisenstäben. Alleine, als ob ich nie jemanden gekannt hätte in dieser Stadt. Nichts anderes in meinem Kopf, nur dieses endlose dumpfe Weiss. Ich gehe vollkommen isoliert in einer stickigen Nebelbank aus Kopfschmerz durch eine Stadt, die nichts mit mir zu tun hat. Weg. Will einfach nur weg. Ich bin nur hier weil – weil ich sehen will, dass diese Frau endlich nicht mehr da ist. Heraus aus meinem Leben. Für immer. Damit ich mich endlich erleichtert fühlen kann. Es ist überstanden. Ich kann wieder atmen.

Ein blaues Auto gleitet langsam an mir vorbei. Im Zeitlupentempo schwenkt es ein paar Meter vor mir auf den Gehweg und bleibt stehen. Na, wenigstens fast überstanden, denke ich. Dann steigt ein Mann mit rotblondem Kraushaar aus einer der Hintertüren aus, er trägt einen langen Kamelhaarmantel und lächelt dümmlich. Sein milchweisses Gesicht ist scheint unwirklich hell in diesem Herbstlicht. Er streckt mir eine Hand entgegen.

„Da sind Sie ja, Herr Moser. Ich dachte mir, dass ich Sie heute hier antreffen werde. Mein Name ist Rigbolt. Sie haben mit unserem Herrn Dr. Müller telefoniert.“

Allerdings. Und heute lauerst du mir auf. Mit deiner mühseligen kleinen Machtdemonstration.

„Sie hätten sich keinen besseren Tag aussuchen können, Rigbolt.“

Er schaltet sein Lächeln aus und tritt sehr nah an mich heran.

„Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen an diesem traurigen Tag.“

Für ein paar Sekunden bleibt seine Hand auf meinem Arm liegen. Genau auf der Stelle, wo die Pfarrershand gelegen hat. Der Brechreiz kommt blitzschnell. Ich übergebe mich in ein Beet mit violetten Astern.

Der helle Herr Rigbolt starrt mich erschrocken an.

„Also gut“, sage ich mit Mühe, „gehen wir.“

Wir gehen einer Hecke entlang, Rigbolt einen Meter neben mir, mindestens einer seiner Wachhunde hinter mir.

„Ich weiss was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren“, sagt der Blonde „Sie haben meine volle Sympathie. Vor einem Jahr habe ich meine Mutter zu Grabe getragen, wissen Sie. Die Trauer ist bis jetzt nicht aus meinem Leben gewichen.“

Er klingt wie jemand, der eine Rolle einstudiert hat. Diese weisse Teigvisage lässt meinen Magen nicht zur Ruhe kommen.

„Was hat deine Mama mit mir zu tun? Können wir nicht zur Sache kommen?“

Nicht, was Rigbolt hören will. Er bleibt abrupt stehen. Seine Augen sind weit aufgerissen. Als ob er staunen würde, dass ich immer noch hier bin.

„Sie wirken sehr alleine, Herr Moser“, sagt er. „Auch wenn erste Eindrücke täuschen können, Sie wirken alleine.“

Auch der Bodyguard steht sehr nahe neben mir. Sein Gesicht ist nur Zentimeter von meinem weg.

„Gerade jetzt bin ich ja in ausgezeichneter Gesellschaft“, murmle ich.

Der Blonde dreht mir sein Ohr vors Gesicht.

„Was sagen Sie?“

Mir wird wieder übel, aber mein Magen ist leer.

Der Blonde fährt zurück.

„Hören Sie zu“, sagt er hastig,

„Ich biete Ihnen einen Handel an. Ich bezahle Ihnen 500.000 Euro für die gefälschten Scheine. Ein fairer Deal, wenn man bedenkt, dass sonst sowieso keiner mit Ihnen Geschäfte machen wird.“

Der Brechreiz lässt für einen Moment nach.

„Wer sagt das?“

„Ich bin der einzige in diesem Land, der so etwas durchziehen kann, Moser. Es gibt hier sonst keinen, der den Vertrieb auf die Reihe bekommt. Das wissen Sie genau.“

„In der Schweiz vielleicht nicht.“

„Erzählen Sie mir bitte nicht, Sie hätten andere Möglichkeiten“, fährt er mir über den Mund, „Ich mag es nicht, wenn man mich unterschätzt. Sie machen dieses Geschäft mit mir oder mit keinem.“

Der Bodyguard zieht mit einer diskreten Bewegung eine Pistole aus seiner Manteltasche. Ich frage nicht, was passiert, wenn ich nicht einverstanden bin.

„Drei Millionen“, sage ich.

„Sie machen Scherze“, sagt der Blonde.

„Dreieinhalb“, sage ich.

Er starrt mir wie ein Irrer ins Gesicht. Und sagt ganz lange nichts. Wenn ich jetzt rede, würde ich wie ein weinendes Baby klingen. Also halte ich den Mund.

„Zwei“, zischt Rigbolt endlich. „Und keinen verdammten Cent mehr.“

Sein Gesicht ist völlig starr. Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe. Ich atme tief ein. Tief aus.

„In Ordnung, Herr Rigbolt“, sage ich so versöhnlich, wie ich kann, „Das ist ein akzeptabler Betrag.“

Rigbolt schnauft verächtlich und dreht sich weg.

„Heute Abend rufen Sie mich an“, sagt er und geht weg von mir, „Punkt acht.“

Der Leibwächter drückt mir eine Visitenkarte in die Hand.

Die Pistole ist nirgends zu sehen.


Karten auf den Tisch


Es ist lange her, dass ich jemandem in so kurzer Zeit so nahe gekommen bin. Viel zu nahe. Aber wovor soll ich jetzt noch Angst haben? Erpresst bin ich schon. Und so lange keiner weiss, wo die Scheine sind, werde ich nicht ermordet. Marina eine Spionin für ihren Onkel Illias? Sie spricht ständig davon, ihn hinter Gitter zu bringen.

„Du wohnst bei ihm, Marina“, erinnere ich sie manchmal.

„Nicht mehr lange, Heiner, nicht mehr lange.“

Ich frage nicht nach. Sie fragt mich auch nicht mehr so viel, wie am Anfang. Vielleicht aus Rücksicht auf einander. Vielleicht, weil wir nicht enttäuscht werden wollen. Ausserdem erzähle ich ihr auch so genug. Sie ist die einzige, die ziemlich alles weiss über Cynthia Norel, von Planta und Serge Wyler.

„Und jetzt machst du Business mit meinem Onkel.“

„Ich weiss, was ich tue“, sage ich ihr. Wir lachen beide.

„Gut“, sagt sie, „Dann erzähl mir was anderes.“

„Du weisst schon so viel“, sage ich.

„Erzähl mir von Mitch!“

„Warum fragst du ständig nach ihm? Lies ein Klatschheftchen, wenn du dich langweilst“, sage ich.

„Du liebst ihn“, gibt sie zurück.

Dazu fällt mir nichts ein.

„Gehst du zu ihm zurück?“

„Zurück? Wohin zurück?“

Dazu fällt ihr nichts ein. Ich schaue auf die Uhr. Denn in 34 Minuten erwarte ich seinen Anruf.

Zwei Tage später ruft sie an und erzählt mir, sie sei mit einer Freundin nach Bali gereist. Die Nummer auf dem Display ist verborgen.

„Mit meiner besten Freundin, drei Monate lang.“

Ihr Onkel bezahlt und es freut mich, dass sie so glücklich klingt.

„Marina – was führst du im Schilde?“

Lacht sie leise? Auf jeden Fall holt sie tief Luft:

„Nichts. Was soll ich schon…? Mach dir keine Gedanken, Heiner. Ich ruf dich wieder an!“


Versicherungspolice


Von: Marina Rigbolt

An: Ladina Taugwalder

CC

Subject: PERSÖNLICH – VERTRAULICH - DRINGEND

Liebe Dina

ich weiss, dass du einen mordfall norel, cynthia bearbeitest.

schau meinem onkel genauer auf die finger. er ist doch der einzige, der von ihrem tod profitiert. beeil dich.

und behalt diese mail für dich!

bin für eine weile weg.

neue handynr: 00968 478 88 325

liebe grüsse

Marina

Von: Ladina Taugwald

An: Marina Rigbolt

Liebe Marina

Preaching to the converted. Wir sitzen Rigbolt schon lange im Nacken. Waffenhandel. Die Berner haben einen Verdacht, aber noch nichts Konkretes.

Ich rufe dich morgen Abend an.

Pass auf dich auf.

Dina

Abflug


Die Banknoten haben in fünf Plastikbehältern Platz. Die beiden Männer, die mit Rigbolt in dem Mercedes-Van gekommen sind, sehen identisch aus: 2m x 1,50m, Bürstenfrisur, solariumbraun. Sie laden wortlos die Kisten ein. Rigbolt lässt sich den Inhalt nur ganz kurz zeigen.

„Ich weiss, wem ich trauen kann.“

Gibt es eine klinische Bezeichnung für den Zustand dieses Menschen?

Zuletzt stellt einer der Männer einen extrem hässlichen braunen Aktenkoffer vor mich auf den Boden. Ich öffne den Koffer auf dem Leuchttisch. Sein ganzer Inhalt besteht aus einem dänischen Pass. Rigbolt hat Sinn fürs Feierliche.

Ich mir das Dokument unter der Leuchtlupe an. Eine ausgezeichnete Fälschung.

„Der Pass ist echt, Moser. Ich drehe Ihnen doch keine Fälschungen an.“

Immerhin vermeidet er es, mich anzusehen. Vielleicht ist er doch nicht ganz wahnsinnig.

„Ich Ihnen schon“, sage ich.

Er lacht laut.

Ich wähle die Nummer der Bank in Monaco. Die Mitarbeiterin will ein Kodewort wissen und bestätigt mir dann den Eingang von drei Millionen Euro auf mein Konto. Die Frau klingt wie ein Sprachroboter, als sie mir einen erfolgreichen Tag wünscht.

„Es war gut, mit Ihnen Geschäfte zu machen“, sagt Ilias Rigbolt zu mir.

Seine Hand fühlt sich an wie ein halbfertiges Frischbackbrötchen. Passend zu seiner Gesichtsfarbe. Nur die dunklen Ringe unter den Augen habe ich bis jetzt noch nicht bemerkt.

„Es war mir von Anfang an klar, dass Sie nicht so alleine sind, wie Sie aussehen, Moser“, sagt er mit einem schiefen Lächeln.

„Was meinen Sie?“

Sein Lächeln wird eine Spur steifer. Er tritt näher an mich heran.

„Grüssen Sie Ihre amerikanischen Freunde von mir. Ich mag diese Geschäftsmethoden nicht, das können Sie mir glauben. Aber ich respektiere einen cleveren Gegner, Moser.“

In diesem Moment weiss ich nicht, was er meint. Ich frage auch kein zweites Mal. Ist mir plötzlich vollkommen egal. Ich habe nur das Gefühl, dass ich ganz schnell hier weg will.

Im Taxi zum Bahnhof. Zugabfahrt in drei Minuten. Bis nach Genf dauert es zwei Tassen Kaffee und drei Cognacs im Wagon-Restaurant. Die Genfer Zöllner schauen mich nur von weitem an. Bis nach Lyon döse ich. Nach einer Flasche Bier Aufenthalt, dann weiter nach Nizza. Von da ein Taxi nach Monaco. Keine Grenzkontrolle. Ich habe ein Zimmer im Hotel d’Arragon reserviert. Eine halbe Stunde nachdem ich angekommen bin, läutet mein Handy. Es ist Marina.

„Wo bist du Heiner? Geht es dir gut?“

Am nächsten Morgen wache ich ohne Wecker auf, es ist 10.05 Uhr und ich fühle mich frisch. Ich ziehe mich an, einen leichten Sommeranzug, weisse leichte Halbschuhe, einen Panamahut. Am Tag vor Cynthias Beerdigung war ich einkaufen. Ich komme mir verkleidet vor. So fremd in meinen neuen Sachen wie in den Strassen dieser Stadt. Bloss viel angenehmer als in Zürich. Und ungefährlicher. Sonnige Plätze mit weissen Prunkbauten und Palmen. Steile Gassen, in denen es kühl und schattig ist. Warum nicht einfach hierbleiben? Eine schöne Wohnung kaufen. Das Leben geniessen. Ich setze mich in ein Café mit hoher Decke und Kronleuchtern, bestelle schwarzen Kaffee und Croissants. Wie mit Cynthia. Ich denke an Marinas Anruf gestern. Sie hat mir erzählt, dass Rigbolt Cynthia erschossen hat. Höchstpersönlich. Weil er ihre Geschäfte übernehmen wollte. Und natürlich die Blüten.

„Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen“, sagte Marina mit einem fürchterlichen Pfeifton in der Leitung“, „Onkel Rigbolt ist im Knast.“

Zuerst verstand ich nicht, dann wurde ich ein bisschen böse. Dann hörte ich ihr zu. Marina hat über die letzten drei Jahre Beweise gegen ihren Onkel gesammelt. Waffenschmuggel und Menschenhandel.

„Die Papiere, die ich habe bedeuten mindestens zwanzig Jahre Knast“, meint Marina. Ich seufzte. Immerhin.

„Und wer hat ihm weis gemacht, dass ich wieder mit Pellazzo zusammen arbeite?“

Ihr albernes Kichern verriet mir, wie nervös sie war.

„Ich habe ihm erzählt, dass deine Amerikaner mich entführt haben, Heiner.“

Ich merkte überrascht, wie etwas in mir ausrastete.

„Du hast was...?“

„Brüll doch nicht so! Das habe ich für dich gemacht, Heiner! Deine Versicherungspolice! Glaubst du wirklich, alles wäre sonst so glatt über die Bühne gegangen?“

„Ohne mich zu fragen – Herzlichen Dank auch!“

Sie war einen Moment ruhig. Dann sagte sie nüchtern und klar:

„Du wärst nie einverstanden gewesen, oder?“

Ich kam wieder auf den Teppich.

„Natürlich nicht, Marina…“

„Bitte Heiner, sprich nicht mit mir wie mit einem kleinen Kind“, unterbrach sie mich, „ich habe dir eben richtig tüchtig unter die Arme gegriffen!“

Ich fühlte mich plötzlich sehr müde.

„Ja, das hast du. Danke, Marina. – ich bin einfach nur… Das ist einfach nicht richtig, weisst du…“

„Dass man einem Freund hilft, meinst du?“

„Dass ich mein Leben versaue und du deshalb in Schwierigkeiten kommst! Wo bist du überhaupt? Und was gedenkst du jetzt zu tun?“

Um es kurz zu machen: Marina war nie auf Bali. Sie hatte sich bei einem Freund auf Svalbard versteckt, bis Rigbolt in Untersuchungshaft war. Dort oben blieb sie auch, bis ein Jahr später der Prozess gegen ihn eingeleitet wurde. Dann ging sie in die Schweiz zurück, um gegen ihn auszusagen. Ihre Tante verzieh ihr das nie, und auch nicht der Rest der Familie. Dafür hat sie ein Auge auf den jungen Staatsanwalt beim Obergericht geworfen. Jede Geschichte hat ja verschiedene Seiten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Geschichte geht in Monaco weiter.

Nachdem Marina mir alles erzählt hat, fühle ich mich schuldig. Alles ist gut ausgegangen. Aber für wie lange hält diese Friede/Freude/Eierkuchen-Situation? Hoffen und beten, dass Rigbolt wirklich so lange weggesperrt wird. Oder wenigstens so lange, dass Marina sich ein neues Leben aufbauen kann.

Und ich auch.

Landung


Wir stehen nebeneinander und schauen hinunter auf das Mittelmeer. Das heisst, Henrys Blick schwebt ganz weit weg am Horizont, Richtung Afrika. Und meine Augen wandern die ganze Zeit zu seinen Händen zurück. Sehr weiss sind sie, immer noch, einige goldene Sprenkel auf den Fingern. Das erste, was ich an diesem Mann gesehen habe vor fünfzehn Jahren waren seine langen geraden Finger.

Ich berühre sie leicht. Er zuckt etwas zusammen und sagt:

„Lass uns etwas essen gehen.“

Es war das erste mal, dass ich in einem Flugzeug gesessen habe. Nach drei Stunden war ich eingeschlafen. Ein ganzes Leben zurück lassen und dann sechs Stunden durchschlafen wie ein Baby. Irgendwann sass ich in diesem Taxi in dieser Stadt, die mich nur anregnete. Ich stiess mir meinen Ellbogen in der Miniaturdusche im Hotel, setzte mich auf den Fenstersims und schaute auf die Strasse hinunter. Nach diesem ersten Anruf haben wir sehr oft miteinander gesprochen, Henry und ich. Mit der Zeit wusste er das meiste über mich. Trotzdem wollte er, dass ich zu ihm komme.

„Man kann dich ja nicht aus den Augen lassen.“

Es war nicht schwer, den Job zu kündigen, die meisten meiner Sachen zu verkaufen oder zu verschenken. Die Wohnung, immer noch die zwei Zimmer in Franklin, habe ich an eine Stripperin aus Texas vermietet. Jetzt sitze ich hier und sollte Henry anrufen. Vermutlich sollte ich mir einfach meine Angst eingestehen. Dass er nicht abnimmt. Es sich anders überlegt hat. Was für ein Irrsinn, diese ganze Geschichte! Jetzt wo ich mein Leben endlich in den Griff bekommen habe. Nachdem meine Bewährungszeit endlich abgelaufen war, war ich zum ersten Mal in meinem Leben frei. Mit dem Geld, das ich gespart habe, hätte ich nach Mexiko ziehen können. Eine kleine Bar in Merida aufmachen. Auf Yucatan leben viele Amerikaner. Wieso nicht dort einen netten Kerl suchen, der als DJ in der Bar arbeitet. Endlich glücklich werden. Mein Französisch reicht gerade für die Gebrauchsanweisung zu diesem vorsintflutlichen Telefon. Wir könnten nach Spanien ziehen, denke ich. Te quiero mucho. Und wähle Henrys Nummer. Die ganze Welt stehe uns offen, meinte Henry. Das war sehr spät abends. Ich habe nicht so viel Geld wie er jetzt. Der komplette Wahnsinn, die ganze Geschichte hier.

Wir setzen uns in ein Strassencafé.

Er bestellt Mineralwasser für uns beide. Hält mir das Brotkörbchen hin. Wischt sorgfältig ein Stäubchen von meiner Schulter.

„Du solltest die Muscheln probieren, Mitch.“

Er sieht tatsächlich jünger aus, als vor zehn Jahren. Irgendwie. Nicht mehr so geduckt. Und er schiebt sein Kinn vor, wenn er lacht.

„Ich kann dir zeigen, wie man so was isst“, sagt er und:

„Heute Nachmittag sollten wir ins Kunstmuseumgehen. Die haben hier drei wunderbare Dalis hängen. Morgen haben wir dazu keine Zeit. Wir müssen ja schon um elf Uhr auf dem Flughafen sein.“

Valparaiso. Wir haben uns auf Chile geeinigt. Weil ich die Sprache kann. Und die Landschaft an der Westküste spektakulär sei. Ich glaube nicht, dass ich Henry sehr gut kenne.

Ich stehe langsam auf.

Henry schaut ein bisschen verloren drein.

„Oder willst du lieber… einkaufen?...“

Ich gehe auf die andere Seite des Tisches. Nehme seinen Kopf in beide Hände. Beuge mich ganz langsam zu ihm herunter. Und lege meine Lippen auf seinen Mund.